Die Kunst der Utopie - das Kunstschutzgebiet
03. März 2026
#1to1dialogues
UTOPIA DIALOGUES – der Podcast von 1:1 CONCERTS und TONALi. Hier geht es um die Zukunft der Klassik, um die Frage, wie Visionen entstehen und gefördert werden können, und um das exponentielle Potenzial utopischen Denkens. Aktuelle Herausforderungen der klassischen Musikszene werden zum Ausgangspunkt für radikal neue Ideen, die Kollaboration, Solidarität und die Demokratisierung von Konzertformaten stärken.
Der Podcast entstand anlässlich der Auszeichnung von 1:1 CONCERTS mit dem TONALi Award „Mut zur Utopie“. Sie umfasst eine einjährige Residenz in Hamburg und mündet in der Sozialen Symphonie am 3. Juli 2026 in der Elbphilharmonie Hamburg.
In der 3. Folge sprechen Franziska von 1:1 CONCERTS und Sergey Novikov von TONALi über Utopie in der Kultur - mit Fokus auf dem Konzept des Kuntschutzgebiets.
Der Podcast findet ihr auch auf RTL+ und Podcast.de.
Folge 3
Franziska: Willkommen bei den UTOPIA DIALOGUES - dem Podcast von 1:1 CONCERTS in Kooperation mit TONALi. Mein Name ist Franziska und gemeinsam mit Christian bin ich künstlerische Leiterin von 1:1 CONCERTS, dem kleinsten aber feinsten Konzertformat. Hier dreht sich alles um Begegnung und Resonanz und genau das wollen wir auch in diesem Podcast. Mein heutiger Gast ist Sergej. Hallo Sergej.
Sergey: Hallo Franziska.
Franziska: Wir arbeiten schon seit ein paar Wochen zusammen und ich freue mich, dich heute hier zu haben, denn deine Aufgabe bei TONALi ist das Kunstschutzgebiet. Stell dich doch kurz selber vor und was genau bitte ist ein Kunstschutzgebiet?
Sergey: Also erstmal ist die Freude auch meinerseits, dass ich bei diesem Podcast mitmachen darf. Genau, Kunstschutzgebiet ist ein Projekt, was wir intern im TONALi-Team als Haltung beschreiben oder auch sehen. Und die Idee ist ursprünglich, wie oft bei Ideen, gleichzeitig kompliziert und einfach gewesen. Wir haben uns gefragt, was machen, was denken, was leben die Menschen in unserer direkten Umgebung? Also Kunstschutzgebiet ist ja eine Fläche, die vom Zentrum, also vom TONALi Büro, in 15 Minuten zu Fuß oder höchstens mit dem Fahrrad erkundet werden kann. Und ja, das ist unsere Umgebung, die wir erkunden wollen. Wir wollen wissen, was die Menschen bewegt. Und natürlich mit dem Kunstschutzgebiet ist die Idee, wir wollen durch die Kunst, durch die künstlerische Teilhabe die Menschen zusammenbringen und mutiger machen.
Das Konzept des Kunstschutztgebiets von TONALi
Franziska: Teilhabe ist das Stichwort: Kannst du uns ein konkretes Beispiel zeigen, welche Menschen aus dem Kunstschutzgebiet ihr einbezieht - also Anwohner:innen, Nachbar:innen, Kinder, Jugendliche, ältere Menschen durch alle Generationen? Welche Form der Teilhabe gibt es bei euch im Projekt?
Sergey: Also das Projekt ist ja so ausgelegt, dass die Teilhabe im Prinzip vom ersten Moment möglich und gewünscht ist - jeder neue Jahrgang bekommt diese Aufgabe, im Kunstschutzgebiet aktiv zu sein. Man kann sich das so vorstellen: zwei MusikerInnen gehen um die Ecke, sehen da einen Park und sehen schöne Bäume oder sehen eben keine schönen Bäume, sondern Dreck. Was auch vorkommt. Und dann wäre zum Beispiel der erste Schritt, die Menschen auf der Straße zu fragen, wie stehen sie dazu? Ich meine, die leben ja da. Ist das zu viel Dreck? Sind die Bäume schön? Soll der Dreck weg? Können die Bäume noch schöner sein? Wie findet man überhaupt die Natur in der Stadt? Ist das genug? Ist das nicht genug? Hat das einen Einfluss auf euer Leben? Das war jetzt ganz schlicht erklärt. Und in dem Moment beginnen die Menschen ja zu reflektieren und in den nächsten Schritten kann es alles Mögliche sein. Das heißt, sie können zum Beispiel Texte dazu verfassen, die können gemeinsam mit Akademist:innen überlegen, welche Musik zum Beispiel zu ihrer Stimmung, zu ihrem Mut passen würde. Sehen sie eine Möglichkeit, in einem Konzert zum Beispiel durch so eine gemischte Form zwischen Text, Musik oder vielleicht auch Malerei, ihr eigenes Quartier darzustellen. Wollen sie vielleicht darüber sprechen, wie sie das Quartier besser machen wollen, schöner, zum Leben angenehmer?
Franziska: Da kann ich vielleicht auch ein kleines Beispiel noch mit reingeben, denn auch wir hatten im Oktober ja die Chance mit den Akademist:innen, workshopartig zu arbeiten und haben tatsächlich sie mit einer Rechercheaufgabe ins Kunstschutzgebiet geschickt: Sie sollten sich auf die Suche machen nach Topien, also Orten, die ein Potenzial in sich bergen für eine Utopie. Da sind wir tatsächlich auch nur etwa 150 Meter rings um den Kieler Ort in alle Himmelsrichtungen los gestiefelt. Die Ergebnisse waren sehr überraschend unterschiedlich - von Momenten der Oase, der Ruhe, des Grünraums bis hin zu feministischen Themen, konkret einer Frauenskulptur, die sehr inspiriert hat zu dem Nachdenken über die Rückkehr in den Mutterleib - um nur ein paar Beispiele zu nennen.
Die Akademist:innen hatten daraufhin die Aufgabe, einen Menschen zu finden, dem sie ihre kleine utopische Performance widmen. Und so wirklich tatsächlich auch diesem einen Menschen ein Konzert zu spielen. Und ich erinnere mich sehr genau daran, wie berührend es war, das vermeintlich Fremde in den TONALi Saal hineinzuziehen und es so nah zu holen und jemandem ein Konzert zu widmen, ein kleines Stück persönliche Musik zu schenken. Also das waren unsere ersten Schritte in eurem Kunstschutzgebiet, ich bin sehr neugierig wie das in den nächsten Wochen sich ausweitet.
Der Akademist Pau Llop Rodríguez spielt ein Konzert für ein älteres Ehepaar
Franziska: Was genau bedeutet denn Utopie für dich, Sergej? Du hast ein paar Beispiele ja schon genannt aus dem Kunstschutzgebiet aber wenn du den Alltag heute um dich herum so siehst was bewegt dich dazu, das Utopische weiter?
Sergey: Also eine Gegenfrage, meinst du, dass das, was ich beschrieben habe, schon utopisch klingt?
Franziska: Also wenn ich sehe, wie der Alltag, ich sende hier aus Berlin, was mich hier im Alltag umgibt, mitten am Kottbusser Tor, in Kreuzberg finde ich das durchaus so, dass wir mehr Platz zum Träumen brauchen und mehr Platz für Positives. Es braucht unglaublich viel Energie, durch den Alltag zu kommen, gerade in diesen politischen Zeiten auch. Und ich vermute, das ist in Hamburg nicht anders.
Sergey: Definitiv nicht. Ich habe dich diese Gegenfrage gestellt, weil ich in diesem Vorhaben erstmal keinen so tiefgehenden utopischen Gedanken sehe, also für mich sind das elementare Dinge, die wir zwar leider vergessen, aber das angenehme Miteinander oder die direkte Umgebung möglichst angenehm zu gestalten, soll eigentlich ein natürliches Bedürfnis sein und nicht unbedingt ein utopischer Gedanke.
Ich muss ehrlich sagen, bei Utopien bin ich skeptisch. Ich sehe absolut die Notwendigkeit, Utopien zu kreieren. Für mich ist die Utopie etwas, was zumindest im Jetzt nicht realisierbar wäre. Also Utopie ist etwas, was man sich zukünftig wünscht und meistens auch natürlich eher in größeren Formaten. Ich habe einen 14-jährigen Sohn, und meine Utopie ist, dass er, wenn er in meinem Alter ist, in einer Welt leben wird, die von Frieden geprägt ist.
Er lebt vielleicht mit 50 oder 60 Jahren in einer Welt, wo seine Kinder, wenn er Kinder kriegt, eine gewisse Perspektive auf ein gemeinsames globales Leben haben. Und in dieser Welt sind sich alle einig, dass die Ziele, die Schritte und die Handlungen einheitlich sind. Nicht im Sinne, alles soll gleich sein, sondern die Ziele, die Welt zu schützen oder besser zu machen, sind für alle nachvollziehbar und auch irgendwie schon umsetzbar. Also ich habe sozusagen keine Utopie für mich, sondern ich wünsche mir eine Utopie.
Franziska: Also da würde ich total mitgehen. Es liegt ja in der Natur der Sache, dass die Utopie als solches nie in Erfüllung geht. Weil wenn sie in Erfüllung geht, ist sie keine Utopie mehr. Es ist ja eher eine Richtung und ein Zustand, den wir herstellen wollen, indem wir träumen, indem wir Visionen entwickeln, indem wir auch aktiv werden in diese Richtung und das ist das, was mir halt oft fehlt heutzutage, dass alle sozusagen in ihren dystopischen Zuständen versinken und sich zurückziehen und wir nicht mehr in diesem Modus kommen von, ja, wir dürfen träumen auch wenn es sich manchmal vielleicht Falsch anfühlt und wir sicherlich auch hier über Privilegien nochmal sprechen können, aber trotzdem ist diese Bewegung hin in die Zukunft, ins Machen, ins Wollen, und das spielt ja auch bei euch von TONALi eine sehr wichtige Rolle.
Und natürlich ist es leicht, sozusagen gesamtgesellschaftlich global zu denken, meine Erfahrung ist, und auch das zeichnet die Arbeit mit den Akademist:innen von TONALi aus, dass wir im Hier und Jetzt bei uns selbst anfangen, in kleinen Schritten.
Franziska: Wenn du an deinen Sohn und die nächste Generation denkst, inwiefern würdest du ihm denn Mut machen und was sind konkrete Dinge, die du heute hier und jetzt im Alltag verändern kannst?
Sergey: Das ist auch eine komplizierte Frage für mich. Ich handle in meinem eigenen Namen und versuche, meinem Sohn beizubringen, dasselbe zu tun. Ich handle nach meinem Gewissen und meinen Vorstellungen, die nicht unbedingt der Realität entsprechen müssen. Um es einfach zu beschreiben, es gibt Dinge, die ich einfach machen muss, weil es mir so wahnsinnig wichtig ist. Ich glaube, viele Menschen haben schon ziemlich klare Vorstellungen, die in vielen Ländern gar nicht so unterschiedlich sind, egal ob das jetzt in Deutschland, Nepal, Australien oder sonst wo ist, von dem, was eigentlich gut für uns alle wäre. Und das Dystopische kommt eben, weil wir merken, wir sind noch gar nicht an diesem Punkt gekommen. Dystopien zu entwickeln ist natürlich eine viel leichtere Aufgabe als Utopien zu fördern. Deswegen würde ich meinem Sohn, so wie mir auch, eigentlich wünschen, unbeirrt durch das Leben zu gehen mit den Werten, für die man steht. In kleinsten Schritten wird es zu irgendetwas führen!
Franziska: Werfen wir noch einmal einen Blick auf den Konzertbetrieb und das utopische Potenzial dessen, was wir letztendlich in unserem Beruf tun. Selber bist du Cellist, spielst auch noch, aber machst eben auch viele andere Dinge. Wie würdest du den Klassikbetrieb beurteilen und was glaubst du wäre eine Utopie, die wir hier unbedingt umsetzen sollten?
Sergey: Ich würde die Sache gar nicht von der Seite der Machenden betrachten – also nicht von uns –, sondern von der Seite der Menschen, die klassische Musik konsumieren oder eben nicht konsumieren, die sie leben, hören und so weiter. Für die klassische Musik wäre es sehr hilfreich, wenn ihr Status in der Gesellschaft insgesamt anders verstanden würde. Damit meine ich nicht, dass jeder ins Konzert gehen muss. Ich meine vielmehr, dass die Menschen klassische Musik einfach als ein Genre begreifen sollten – als eine Art Musik, die sie eigentlich ständig umgibt, die sie aber nicht immer bewusst wahrnehmen.
Wir können klassische Musik nicht völlig von anderen Kunstformen trennen. Musik insgesamt ohnehin nicht, aber gerade Klassik ist da ein gutes Beispiel. Allein in der Schule: Die Kinder lesen ja Bücher – vielleicht lesen sie nicht gern, aber es gehört trotzdem noch zum Programm. Genauso haben viele Kinder schon einmal schöne Städte gesehen, in denen architektonisch wahnsinnig viel Geschichte steckt.
Etwas Schönes – das muss ja gar nicht die westliche Tradition sein –, findet man in Thailand genauso wie in Rom. Was will ich damit sagen? Ein anderes Verständnis von Klassik zu etablieren, wäre meines Erachtens ein richtiger Weg.
Ich unterrichte zum Beispiel viel und merke immer wieder: Die Kinder kommen mit dem Cello zum Unterricht, und trotzdem gibt es Fälle, in denen ein Mädchen sagt: „Ich spiele gern Cello, aber ins klassische Konzert gehen oder Klassik hören – nee, das ist überhaupt nicht meins.“ Dabei spielt sie klassische Stücke! Da ist also irgendeine Verbindung unterbrochen, die eigentlich selbstverständlich sein könnte – dass man einfach sagt: Das ist Musik, wie andere auch.
Jedes Kind geht ja mal ins Kino und schaut sich irgendeinen Blockbuster an. Und größtenteils ist die Musik, die man da hört, absolut klassisch angelegt – oft sogar mit großen Orchestern aufgenommen und so weiter. Dieses Grundverständnis wieder hineinzubringen, ist, glaube ich, eine Möglichkeit mit großem Potenzial.
Franziska: Also ich denke genau darauf zielt ja auch euer Kunstschutzgebiet ab, die Klassik aus dem Elfenbeinturm zu holen, in dem sie halt manchmal leider doch noch verweilt, und hin zu den Menschen zu bringen und andersrum, ja?
Sergey: Absolut. Das ist der große Wunsch.
In diesem Video erfährt ihr mehr über das Konzept des Kunstschutzgebiets
Franziska: Was für einen utopischen Moment kannst du an diesem Tag heute noch kreieren? Du hast vorhin von den kleinen Schritten gesprochen. Es fängt im Hier und Jetzt an. Also, was ist für heute noch ein Moment, den du vielleicht aktiv gestalten kannst, um dir oder auch anderen Menschen etwas Positives zu bringen?
Sergey: Also ich muss in dem Moment tatsächlich konkret an dem Kunstschutzgebiet denken. Mein utopischer Moment wäre, heute und in den nächsten paar Monaten, einfach viele begeisterte Gesichter von Anwohnern drumherum zu sehen, die richtig Lust haben, sich künstlerisch in diesem Projekt zu betätigen. Also mit Begeisterung, das Angebot annehmen und mit viel Elan und mit viel Freude Sachen ausprobieren.
Franziska: Und was tust du heute dafür? Damit das passiert?
Sergey: Also, ich versuche die Menschen erstmal überhaupt zu erreichen. Man geht ja mit Menschen ins Gespräch, man geht mit Institutionen ins Gespräch und man versucht erstmal nur mit Worten - vielleicht wäre es ja mit dem Tun leichter - aber mit Worten sie dafür zu begeistern, Teil des Projekts oder Teil dieses Experiments zu sein. Das ist meine tägliche Aufgabe.
Franziska: Gehst du heute nochmal um die Ecke und klingelst irgendwo?
Sergey: Also heute ist es ja sehr stürmisch und wahrscheinlich einer der Tage, wo es am wenigsten Sinn machen würde. Andererseits sind natürlich fast alle Menschen zu Hause. Vielleicht mache ich das tatsächlich.
Franziska: Vielen Dank, Sergey, für dieses Gespräch.
Sergey: Ich danke auch.
Franziska: Und liebe Hörerinnen, wir verlinken euch in den Shownotes auch nochmal einen wunderbaren Film, der zum Kunstschutzgebiet erschienen ist, auf der Webseite von TONALi und freuen uns, wenn auch ihr uns etwas über euren utopischen Moment an diesem Tag in die Kommentare schreibt oder uns Feedback gebt unter team@1to1concerts.de