Die Kunst der Utopie - Gemeinschaft
25. März 2026
#1to1dialogues
UTOPIA DIALOGUES – der Podcast von 1:1 CONCERTS und TONALi. Hier geht es um die Zukunft der Klassik, um die Frage, wie Visionen entstehen und gefördert werden können, und um das exponentielle Potenzial utopischen Denkens. Aktuelle Herausforderungen der klassischen Musikszene werden zum Ausgangspunkt für radikal neue Ideen, die Kollaboration, Solidarität und die Demokratisierung von Konzertformaten stärken.
Der Podcast entstand anlässlich der Auszeichnung von 1:1 CONCERTS mit dem TONALi Award „Mut zur Utopie“. Sie umfasst eine einjährige Residenz in Hamburg und mündet in der Sozialen Symphonie am 3. Juli 2026 in der Elbphilharmonie Hamburg.
In der 4. Folge sprechen Franziska von 1:1 CONCERTS und Pauline Schüler von TONALi über Kulturjournalismus, Gendergerechtigkeit und die Zusammenarbeit mit Jugendlichen. Und sie stellen sich die Frage: Ist eine Chorprobe die perfekte Metapher für eine Utopie?
Der Podcast findet ihr auch auf RTL+ und Podcast.de.
Folge 4
Franziska: Willkommen bei Utopia Dialogues, der Podcast von 1:1 CONCERTS in Kooperation mit TONALi. Hier dreht sich alles um Begegnung und Resonanz. Gemeinsam mit dem TONALi-Team wollen wir herausfinden, welches utopische Potenzial die Klassikwelt für uns bereithält.
Mein heutiger Gast ist Pauline und ich würde ganz frech behaupten, ohne Pauline gäbe es diesen Podcast nicht, denn du warst die Erste, der ich von dieser Idee erzählt habe, und du hast sofort begeistert Ja gesagt. Du bist auch diejenige, die im Hintergrund all diese tollen Folgen schneidet und nach draußen bringt und die Kommunikation dazu macht. Herzlich willkommen, Pauline.
Pauline: Oh, was für eine Anmoderation. Vielen Dank. Ja, ich habe mich mega gefreut. Also ich weiß noch, dass wir beim Tuned-Netzwerktreffen waren in Bochum und da so zwischen Tür und Angel ein bisschen in der großen Menge unterwegs waren und du mit der Idee auf mich zugekommen bist und ich war gleich am Start.
Franziska: Von Hause aus bist du studierte Musikwissenschaftlerin, du hast Journalismus studiert und Kunstgeschichte. Ich kenne dich vor allen Dingen hinter der Kamera, weil du all unsere Workshops begleitest und es ist immer total schön. Einerseits bist du so ganz still und leise hinter den Kulissen und versuchst, all diese Momente fotografisch festzuhalten. Andererseits bist du die Person bei euch im TONALi-Team, die das Projekt nach außen kommuniziert und eine große Strahlkraft damit sowohl auf Social Media und auf allen anderen Kanälen und eben auch über diesen Podcast erreichst. Wie ist das für dich so in diesen zwei Welten?
Pauline hat die Workshops mit den TONALi-Akademist:innen fotografisch begleitet - beobachtend und mittendrin zugleich.
Pauline: Ja, ich finde, das beschreibt es eigentlich ganz gut, denn ich habe oft das Gefühl, da in so einer guten Doppelrolle zu sein. Auf der einen Seite in diesem Mikrokosmos im Moment zu sein und Teil auch irgendwie des Prozesses zu sein und auf der anderen Seite so raus zu zoomen und zu schauen, wie sieht das eigentlich in der Außenwirkung aus. Und ich glaube, das ist tatsächlich so ein kleiner Spagat, der mich so in meinem Arbeitsleben sehr, sehr stark begleitet und der das Ganze eben auch einfach sehr spannend macht.
Franziska: Wir arbeiten ja dieses Jahr zum Thema Utopie, also zum einen heißt ja die Auszeichnung so, “Mut zur Utopie”, und wir haben es uns gleich einfach geschnappt und gesagt, genau das ist das Thema, was wir auch auf der Bühne zeigen wollen. Du hast ja viel in den Workshops mit den Schülerinnen und mit den Akademistinnen mitbekommen. Gab es für dich da utopische Momente, wo du aufgehorcht hast und gesagt hast, okay, wow, das ist jetzt neu oder das ist anders? Kannst du uns ein Beispiel vielleicht erzählen?
Pauline: Voll! Also ich glaube grundsätzlich ist es erstmal schön, weil wir ja sehr viel mit Schülerinnen und Jugendlichen zusammenarbeiten. Ja, so schlicht und ergreifend das auch klingt, wieder mal mit dieser Zielgruppe enger in Kontakt zu sein. Man merkt einfach, dass man im Berufsleben sehr oft, ja, also sicherlich vielleicht auch mal mit jüngeren Menschen zu tun hat, aber eben nicht so in der Intensität, also zumindest nicht im PR-Kommunikationsbereich für TONALi, wenn man so im Büro-Tagesgeschäft ist. Und das finde ich so toll an dem Job, dass man eben mit dieser Jugend wieder so Kontakt hat und dieses Zukünftige auch einfach dadurch wieder mehr spürt, weil man die Menschen, die ja so nah an der Zukunft irgendwie dran sind, das auch neu zu gestalten, neue Perspektiven mitbringt, einfach wieder ernährt.
Und ich weiß noch, dass wir hier die Workshops unten im Seminarraum hatten und auf einmal ganz viele Jugendliche auf einen Schlag da waren. Ich dachte so, boah ,das fühlt sich einfach schon so nach neuen Perspektiven an. Also das ist, glaube ich, erstmal so ein allgemeines Gefühl. Und Jonathan hatte das auch schon in einer Folge besprochen, dass wir hier mit Pau, einem Akademisten, schon mal so einen kleinen Utopiemoment hatten, wo es darum ging, die ältere Generation auf die Bühne zu holen und deren Lebensgeschichte zu erzählen. Und da haben wir die Perspektive wieder in die andere Richtung aufgemacht. Welche Generation hat eigentlich schon was geschafft? Sich da einfach zu verbinden, einfach weil ich finde, dass das meiste Utopie-Potenzial in Beziehungen zu finden ist. Ja, das war auf jeden Fall ein ganz toller Moment.
In der Zusammenarbeit mit den TONALi-Akademist:innen entstehen viele Utopie-Momente
Franziska: Wir stehen vor der Herausforderung, dass wir dieses Utopie-Thema zum einen auf die große Bühne der Elbphilharmonie bringen wollen. Ich selber bin Szenografin und Konzertgestalterin und immer dann, wenn es räumlich oder eben auch bildlich wird, stehen wir, gerade beim Thema Utopie, vor einer Herausforderung. Alle denken dann immer an Zukunftsbilder, sehr oft KI generiert. Wir sind ja überschwemmt von diesen künstlich hergestellten Bildern. Wenn du fotografierst, wo steckt für dich so die Utopie im Bild oder wie würde ein typisches Foto aussehen für Utopie?
Pauline: Das ist eine völlig spannende Frage. Wahrscheinlich würde man sich jetzt irgendwas Spaciges vorstellen, irgendwas, was Zukunft schreit. Ich glaube tatsächlich, dass es beim Fotografieren ganz viel um diesen Perspektivwechsel geht, also das, was ihr ja auch programmatisch inhaltlich trägt, eben auch in der Außenkommunikation, durch die Linse in irgendeiner Form zu begleiten. Und ich glaube, das hat viel damit zu tun, mal so zu hinterfragen, welche Bilder male ich eigentlich gewissermaßen mit der Kamera. Was ist vielleicht so ein etabliertes Denken von auch zum Beispiel Konzertfotografie? Also da kennt man ganz viel dieses, ich fotografiere das, was auf der Bühne stattfindet und der Publikumsraum ist gegebenenfalls irgendwie so. Und ich finde das so schön, weil mit diesem geteilten Bühnengedanke oder auch dem 1:1 Gedanken eigentlich das Publikum so ins Zentrum rückt und das mich auch hinterfragen lässt, was begleite ich fotografisch eigentlich? Also nehme ich vielleicht auch das Publikum, den Raum insgesamt, vielleicht auch meine Position als Beteiligte in dem Gefüge nochmal neu wahr und das ist tatsächlich so ein neues Learning oder eine neue Sensibilisierung, habe ich den Eindruck. Genau, das ist so ein schöner Moment tatsächlich in der Zusammenarbeit.
Franziska: Ah, das freut mich zu hören und genauso erlebe ich das auch, Pauline. Du bist in den Workshops irgendwie auch immer so mittendrin auf deine stille Art und Weise, beobachtend und dann gleichzeitig entwickelt es eine totale Kraft im Nachhinein dann, wenn wir mit diesen Fotografien auf unseren Webseiten umgehen und das Projekt sichtbar machen. Genauso ist es auch mit dem Text. Da haben wir ja sogar auch mit den Akademistinnen am Anfang kleine Topien beschrieben. Also alle hatten die Aufgabe, ein Potenzial im Grundschutzgebiet in ihrem jeweiligen Quartier zu finden und dann auch zu beschreiben, also eine Zukunftsvision in einen Text zu gießen.
Und wir haben gemerkt, das ist auch gar nicht so einfach. Sprechen über die Musik und dann etwas in Worte zu fassen, fiel vielen schwer. Aber hat total geholfen so eine Idee auch Kreisbacher zu machen. Wie geht es dir, wenn es darum geht, so ein Projekt für die Elbphilharmonie zum Beispiel anzukündigen oder darüber zu berichten in Blogbeiträgen?
Pauline: Das ist eine total spannende Frage, da sitze ich gerade dran, diesen Text zu formulieren, was da eigentlich am 3. Juli passieren soll, und ich glaube, es ist so ein bisschen die Kunst, die Offenheit des Prozesses abzubilden, dem gerecht zu werden, aber auch konkret zu werden und ich glaube, da, wo man konkret wird, hat man wieder Angst. Diesen Raum zu zu machen, also auch schriftlich in der Beschreibung so, wie kann ich das Thema Utopie so fassen, dass ich es nicht einseitig denke oder verenge, wie kann ich dem aber auch genug Raum geben, um sozusagen die Potenziale und vielleicht auch das, was wir nicht planen können an diesem Abend, dem trotzdem gerecht zu werden. Ich glaube, das ist so ein Spagat, den es gerade ja zu beschreiben gilt.
Und da bin ich natürlich total froh, ganz viel Input zu bekommen, eure Perspektiven zu bekommen. Aber es inspiriert eben auch, wenn man mal von einem klassischen Konzertprogramm auch ein bisschen wegkommt und sich überlegt, stimmt, was sind denn eigentlich so Momente, utopische Momente, die man da auch schon einschreiben kann, gewissermaßen. Da bin ich gerade dran.
Franziska: Das ist sehr spannend, weil wir, wie du auch sagst, nicht zu viel verraten wollen, gleichzeitig das Publikum in die Elbphilharmonie locken wollen und auch die verschiedenen Aspekte des Projekts, vor allem auch die vielen PartnerInnen, in solchen Texten und Beschreibungen sichtbar machen wollen. Gleichzeitig sind die Algorithmen da draußen in dieser Welt, alles soll viral gehen, diese Erfolgsstories, die irgendwie Social Media oder die digitale Kommunikation von uns irgendwie auch verlangen. In unserem Projekt geht es aber vor allen Dingen auch darum, authentisch zu sein, achtsam zu sein, in der Begegnung zu sein, stelle ich mir gar nicht so einfach vor.
Franziska: "In unserem Projekt geht es vor allem darum, authentisch zu sein, achtsam zu sein, in der Begegnung zu sein". Fantasie und Wahrnehmung spielen dabei eine wichtige Rolle.
Wir lernen auch unglaublich viel, Pauline, von dir in der Zusammenarbeit, wie man das gut macht. Und dieser Podcast soll dazu einen Beitrag leisten. Wenn wir in unserem Projekt über Utopien sprechen, kommen wir nicht drumherum, auch über Dystopien zu sprechen und die multiplen Krisen dieser Welt in Betracht zu ziehen. Wir sprechen da gerne ja auch von Polykrisen. Und wir hatten gerade schon das Thema KI, Künstliche Intelligenz, Digitalisierung, macht alles höher, schneller, weiter und gleichzeitig, wenn wir jetzt auf den Musikjournalismus schauen, verändert sich ja die Verlagsbranche der Journalismus massiv. Es ist auch in einer totalen Krise. Wie beurteilst du das oder was würdest du ändern, um da auch eine Chance darin zu entwickeln?
Pauline: Ich denke, dass gesellschaftliche Relevanz das Stichwort ist. Also einerseits, wie kann Journalismus gesellschaftlich relevant bleiben? Das ist, glaube ich, eine große Frage, die so ein bisschen in dieser Krise auch spürbar wird. Einfach als Vertrauensmedium überhaupt existent zu sein, für die Menschen da zu sein. Eine unabhängige Instanz. Und wenn man das so auf den Kulturjournalismus münzt, denke ich, dass sich da auch gerade sehr viel bewegt, auch im Guten, weil wir natürlich einerseits mit der Herausforderung leben, dass wir eine unfassbar große Quelle haben an künstlerischen Produkten oder Dinge, die im Kulturjournalismus besprochen werden können oder auch im Musikjournalismus spezifisch.
Und das stellt die Frage auf, welche Rolle wir eigentlich als Musikjournalistin in dieser großen Informationsflut einnehmen wollen. Es gibt von Holger Neuze ein ganz tolles Buch, ich glaube von 2020 ungefähr, das heißt Worldwide Wunderkammer. Er beschreibt eben diesen Raum als eine Wunderkammer, die es zu erkunden gilt und die auch so ein bisschen danach schreit zu sagen, Gott, ich will kuratiert sein, jemand muss einen Überblick über diese Wunderkammer kriegen.
Wie können wir sozusagen eine einordende, kontextualisierende Instanz sein, die nach gesellschaftlicher Relevanz fragt, sicherlich auch unterschiedliche Ästhetiken diskutiert, aber eben nicht mehr diese Rolle hat, “ich bin der Musikkritiker, Musikkritikerin”. Es gibt ja von Kreisler diesen tollen Song, “Der Musikkritiker". Wie kann ich diese Rolle nicht mehr einnehmen? Nur zu bewerten und Ästhetiken irgendwie gut oder schlecht einzuschätzen, sondern einen Überblick zu verschaffen, Kontext zu liefern, um eben ein Publikum etwas aufzubereiten, damit es vielleicht weniger überfordert ist. Also großer Buchtipp kann ich nur empfehlen.
Franziska: Danke! Das verlinken wir in den Shownotes.
Ich habe in der Vorbereitung gelesen, Pauline, dass du deine Masterarbeit über Gendergerechtigkeit geschrieben hast. Wir haben heute ein ganz besonderes Datum, auch wenn der Podcast nicht live ist und später gesendet wird. Heute ist der 27. Februar. Der diesjährige Equal Pay Day. Das heißt, das, was unsere männlichen Kollegen am 31. Dezember verdient haben, haben wir erst quasi zwei Monate später als zwei Frauen hier in diesem Team geschafft. Das ist bitter und gleichzeitig wichtig, auch darüber zu sprechen. Mich interessiert, was du in deiner Forschung dazu, das war, glaube ich eine Abschlussarbeit, herausgefunden hast. Magst du da einen Einblick geben?
Pauline: Genau, 2023 habe ich meinen Abschluss gemacht und mich recht spezifisch mit der Dach-Jazz-Szene auseinandergesetzt, also der Frage wie Gendergerechtigkeit in der Jazz-Szene überhaupt aussieht und bin dann natürlich auch auf allgemeingültige Themen gestoßen die ich, würde ich sagen, generell auch auf die Musikszene vielleicht auch auf die gesamte künstlerische Praxis auch übertragen lassen.
Und da leiten sich natürlich extrem viele Themen ab, also gleiche Bezahlung, unter welchen Umständen, oder unter welchen Voraussetzungen, wird Kunst produziert? Wer hat eigentlich Raum, sich der Kunst zu widmen? Andere müssen Care-Arbeit leisten und auch Kunst produzieren, andere haben das Privileg, nur Kunst zu produzieren, weil sie Hintergrundstrukturen haben, die das ermöglichen.
Ich denke, da lassen sich ganz viele Themen tatsächlich ableiten. Und genau in der Jazzstudie, mit der ich mich auseinandergesetzt habe, kamen eigentlich genau diese Tendenzen zum Vorschein. Also es gibt alle möglichen Themen, auch Altersvorsorge, wenn wir jetzt so bei dem monetären Aspekt sind. Und ja, das hat einen tatsächlich ziemlich wütend gemacht, wenn man sich das so durchgelesen hat. Aber ich finde es immer gut, dann eigentlich mit so einer konstruktiven Wut, nenne ich es, auf das Thema zu schauen und dann in Richtung Utopie zu denken und zu sagen, wie können wir eigentlich das vielleicht auch schon im Hier und Jetzt gestalten, statt zu verwittern und sich nur darüber aufzuregen. Und ich glaube, das ist ein wichtiger Raum, den man sich auch nehmen muss, einmal kurz anzuerkennen, dass Ungerechtigkeiten immer noch Thema sind, aber sich eben auch dem zukünftigen dann wieder zuzuwenden.
Franziska: Und gibt es ganz konkret Dinge, die du, wenn wir uns heute diesen Raum nehmen, die du vielleicht den vielen auch jungen Frauen, die wir im Projekt haben, sowohl Schülerinnen als eben auch Akademistinnen, sind mehr Frauen als Männer mit am Start, auch wieder interessant in der Kulturbranche. Was würdest du ihnen für die Zukunft mit auf den Weg geben wollen?
Pauline: Ach, tatsächlich sehr viel. Wenn ich aber jetzt das einmal runterbrechen würde, selbstbewusst den Raum einzunehmen und sich seiner Fähigkeiten bewusst zu sein und, vor allen Dingen, sich zu solidarisieren, zu schauen, wie kann man auch zusammenhalten in einer Szene, die vielleicht manchmal auch schwierig ist von den Arbeitsbedingungen her.
Ich glaube, es geht ganz viel darum, auch seine eigenen Perspektiven einzubringen also auch zu schauen, was kann ich eigentlich in meiner Arbeit eingeben, was vielleicht noch nicht so vorhanden ist und wie kann man sich auch gegenseitig unterstützen und das finde ich eigentlich am allerwichtigsten auch zu reflektieren, was man vielleicht noch nicht weiß oder welchen Raum man vielleicht auch einnimmt und aber wo man eben auch Platz machen kann.
Diese Themen sollten sich irgendwie bewusst sein und sich da gegenseitig stärken. Und ja, je nach Branche ist das natürlich auch unterschiedlich. Ich persönlich habe zum Beispiel ein Volontariat bei der Elbphilharmonie gemacht. Das war eine total intensive und tolle Zeit und musste mich aber auch erst mal so in diesem ganzen technischen Selbstbewusstsein entwickeln, weil das oft nicht so vorgelebt ist, dass da Flinta-Personen irgendwie sich mit Kameratechnik und sowas befassen. Nicht, weil das nicht existent ist, sondern weil ich für mich einfach nicht so viele Vorbilder hatte. Also sich Vorbilder suchen und schauen, wie man da seinen Platz finden kann.
Franziska: Toll! Und ich glaube, wir können mit diesem Projekt und in diesem Projekt genau diese Momente auch kreieren. Ich erinnere mich an eine Situation, wo wir mit den Schülerinnen eine Recherche im Kunstschutzgebiet gemacht haben, die dann danach präsentiert werden sollte. Jede Gruppe hat quasi entweder vorn im Raum oder eben im Seminarraum an anderer Stelle ihre Ergebnisse gezeigt. Und die Gruppe, in der ich war, war unglaublich aktiv dabei, diese Inhalte zu erarbeiten, hat sich dann nicht getraut sie zu zeigen. Und das war ein sehr erstaunlicher Moment für mich, weil es aus meiner Perspektive gar keinen Grund gab, sich nicht da hinzustellen und das zu tun, weil es aber eben, das tun. Wir haben es dann aber trotzdem durch Umwege geschafft. Ich glaube, sie haben die Texte dann auf ihren Handys gezeigt, und die Handys ausgestellt und dann ging es darum, schreiben wir jetzt unseren Namen darunter oder nicht. Also wir haben weitere Möglichkeiten gefunden. Dann irgendwie trotzdem für eine Repräsentanz zu sorgen.
Aber es war wirklich interessant zu sehen, wie offensichtlich groß die Hemmschwelle da oft noch ist. Insofern, finde ich, sind in diesem Projekt so viele gute Momente entstanden, wo wir genau das trainieren. Und das gilt für Jungs wie Mädchen, aber trotzdem ist es ja oft die Tendenz, dass das einfach so ein gelernter, leider, oder noch nicht gelernter Aspekt ist, den wir hier herauskitzeln können.
Freude bei der Arbeit mit den TONALi-Akademist:innen. Es gibt immer wieder überraschende und berührende Momente.
Und ob man es dann auf die große Bühne der Elbphilharmonie schafft, auch das muss ja gar nicht das große Ziel sein, sondern es gibt so viele Momente im Projekt, wo man sich eben beteiligen kann. Wir sind stark dabei, gerade die jungen Frauen auch zu motivieren, sich zu trauen und sei es dann im Kollektiv und gemeinsam, auch das ist ja ein guter Weg, sich zu verbünden. Du bist selber auch Sängerin, du singst im Chor.
Pauline: Das stimmt, genau. Ich bin jetzt in Hamburg seit 2023 und habe Ende 2024 endlich wieder einen Chor gefunden und tatsächlich auch so ein bisschen, wenn man das jetzt größer aufziehen möchte, vielleicht auch wirklich wieder so eine Stimme gefunden. Also ich habe mein Leben lang ganz viel im Chor gesungen und finde es total schön, wieder damit eine Connection zu haben.
Franziska: Wie klingt für dich Utopie?
Pauline: Hm, das ist so eine spannende Frage. Da kann man natürlich über ganz viele Aspekte reden, also so über die Instrumentwahl, über die Frage, wer produziert wie Klang. Man kann in Richtung Klangproduktion denken, also zu überlegen, welche Räume sind noch nicht so erforscht. Also es geht für mich, glaube ich, ganz viel in Richtung Klangforschung, aber auch die Frage, wer unter welchen Bedingungen Klang produziert. Gar nicht nur dieses Gehörte, sondern welche Stimme, im wahrsten Sinne des Wortes, präsent ist. Ja, da gibt es ganz viele unterschiedliche Beispiele, wie Utopie klingen kann. Also von so einer Björk, die ich total schätze, die ja wirklich auch zum Beispiel Themen wie Feminismus und Umwelt zusammendenkt. Sie hat jetzt mit Rosalia zum Beispiel auch einen Song gesungen, ich habe gerade den Namen vergessen, muss ich nochmal recherchieren, aber auf jeden Fall wo es zum Beispiel um Lachsangeln geht. Also auch solche Umweltfragen, die connectet werden.
Afrofuturismus fällt mir noch ein im Jazz. Das sind auch ganz spannende Perspektiven und die Frage, wie kann eben eine schwarze Perspektive in dieser Gesellschaft einen Platz finden, nicht als Randerscheinung, sondern als zentrale Kraft. Und ich glaube, da gibt es einfach so unfassbar unterschiedliche Zugänge zu Klangproduktion und zu der Frage wie Zukunft klingt. Und das macht es sehr reizvoll. Es gibt immer wieder was zu entdecken.
Franziska: Interessant, weil gerade Björk mit ihrem Song Utopia ganz am Anfang schon eins unserer großen Inspirationen war, wo sie eine surreale Welt beschreibt, auch visuell als Video, was wir gleich noch verlinken in den Shownotes. Und die Themen, die du ansprichst, wollen wir noch nicht so viel spoilern. Einige davon werden in unserer sozialen Sinfonie auf jeden Fall auch eine Rolle spielen. Wir haben eher so die Qual der Wahl, weil wir denken, okay, wir müssen über Umweltschutz sprechen und Nachhaltigkeit. Wir müssen über Gendergerechtigkeit sprechen. All die großen Themen, und gleichzeitig soll es ein schönes Konzerterlebnis werden, und wir strugglen gerade tatsächlich auch so ein bisschen damit, so weniger ist mehr. Was ist die Narration? Was wollen wir wirklich erzählen? Was sind die für uns wichtigen Themen?
Der Akademist Daniel Calvo Valcarcel spielt Sax. Hinter ihm an der Wand sind Visuals aus Björks Song „Utopia“ zu sehen.
Am Ende versuchen wir mit den Akademistinnen gerade auch daran zu fallen, so weg von den Buzzwords und Plattitüden dieser Welt, von denen wir eh schon umgeben sind, von denen wir auch ein Stück weit erschlagen sind. Dann einfach doch jetzt die fünf auszuwählen, die uns persönlich betreffen. Also, dass wirklich von innen heraus entwickelt werden.
Das finde ich immer noch einen ganz wichtigen Aspekt. Weil die Welt zu retten ein sehr großes Vorhaben ist, und in kleinen Schritten anzufangen. Heute kümmere ich mich um das und morgen tue ich hier Gutes. Ganz persönlich. Das versuchen wir gerade im Projekt wieder zu schärfen, um auch aus der Überforderung herauszukommen. Insofern wäre auch meine Abschlussfrage, was tust du heute noch Gutes?
Pauline: Ah, gute Frage. Also, wie ich der Utopie näher komme. Ich finde es ganz schön, weil ich heute tatsächlich noch eine Chorprobe habe und ich das Gefühl habe, dass da dieser Idee von Gemeinschaft und viel Gleichzeitigkeit, viele unterschiedliche Stimmen in eine Gleichzeitigkeit zu bringen, dass das für mich tatsächlich ein sehr großer utopischer Moment ist, auch wenn es “nur” eine Chorprobe ist.
Ich empfinde das als wirklich totales Privileg, davon teil sein zu können und genau diese Gleichzeitigkeit auszuhalten oder vielleicht auch zu erproben, wie das eigentlich gut funktionieren kann. Das ist heute noch ein Vorhaben, das tatsächlich größer ist, als ich heute so dachte. An so einem Freitag ja. Und ich glaube grundsätzlich, es wird jetzt Frühling und ich merke, es ist auch einfach total schön, mit offenen Augen wieder durch die Welt zu gehen und vielleicht einfach zuzuhören und diesen Potenzialraum wieder ein bisschen mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Das ist tatsächlich jetzt tagtäglich wieder ein bisschen mehr Teil meiner Realität und darauf freue ich mich sehr.
Pauline: "Es ist einfach total schön, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen, zuzuhören, und diesen Potenzialraum wieder ein bisschen mehr Aufmerksamkeit zu schenken."
Franziska: Sehr schön, Pauline. Das steckt uns schon an. Ich habe auch Lust, nach einem Krokus zu schauen oder nach den Vogelstimmen, die langsam wieder rauskommen.
Pauline: Ja, herrlich. Große Sehnsucht.
Franziska: Sehr schön. Ich wünsche dir zunächst eine tolle Chorprobe heute Abend und rege alle unsere Hörerinnen an, auch mehr zu singen.
Pauline: Macht sehr glücklich.
Franziska: Kann man auch unter der Dusche oder so. Und ich freue mich wahnsinnig auf die Begleitung im Projekt durch deine Fotografien und deine Texte und dass die Welt da draußen erfährt, was wir Gutes tun hier.
Pauline: Und ich mich erst. Vielen lieben Dank, Franziska. Ich freue mich auch sehr auf eure Utopie am 3. Juli.
Franziska: Bis zum nächsten Mal, liebe Hörerinnen. Tschüss.