Die Kunst der Utopie - vom Ich zum Wir
05. Februar 2026
#1to1dialogues
UTOPIA DIALOGUES – der Podcast von 1:1 CONCERTS und TONALi. Hier geht es um die Zukunft der Klassik, um die Frage, wie Visionen entstehen und gefördert werden können, und um das exponentielle Potenzial utopischen Denkens. Aktuelle Herausforderungen der klassischen Musikszene werden zum Ausgangspunkt für radikal neue Ideen, die Kollaboration, Solidarität und die Demokratisierung von Konzertformaten stärken.
Der Podcast entstand anlässlich der Auszeichnung von 1:1 CONCERTS mit dem TONALi Award „Mut zur Utopie“. Sie umfasst eine einjährige Residenz in Hamburg und mündet in der „Sozialen Symphonie“ am 3. Juli 2026 in der Elbphilharmonie Hamburg.
In der 1. Folge sprechen Franziska von 1:1 CONCERTS und Amadeus Templeton von TONALi über Utopie in der Kultur: über geteilte Bühnen, den Tuttifonds, mutige Visionen und das Konzert der Zukunft.
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Folge 1
Franziska: Willkommen bei den UTOPIA DIALOGUES - dem Podcast von 1:1 CONCERTS in Kooperation mit TONALi. Mein Name ist Franziska und gemeinsam mit Christian bin ich die künstlerische Leiterin von 1:1 CONCERTS, dem kleinsten aber feinsten Konzertformat. Dabei dreht sich alles um Begegnung und Resonanz - und genau das tun wir auch in diesem Podcast.
Anlass für diesen Podcast ist die Auszeichnung von »Mut zur Utopie«, die uns im letzten Jahr von Tonali verliehen wurde. In einer einjährigen Residenz erarbeiten wir partizipativ mit vielen Akteurinnen eine soziale Sinfonie und bringen diese am 3. Juli auf die Bühne der Elbphilharmonie in Hamburg. Genau wie in unserem kleinen überraschenden Konzertformat fragen wir hier in diesem Podcast in kurzen intensiven Gesprächen unsere Hamburger Partner:innen welche persönlichen und gesellschaftlichen Utopien wir brauchen und welche Rolle klassische Musik dabei spielen kann.
Denn Utopie ist das Thema für diese Residenz. Mit den Akademist:innen, den Musikerinnen und auch dem Team des Tonali-Kosmos öffnen wir hier für ca. 20 Minuten einen Resonanzraum für Zukunftsbilder, aber auch sprechen wir über das Träumen und den Mut zum Andersmachen.
Mein heutiger Gast ist Amadeus. Amadeus ist Cellist und einer der beiden Gründer des TONALi-Kosmos. Amadeus, die Gründung von TONALi liegt jetzt über 15 Jahre zurück. Ich kann mir vorstellen, dass das ein ziemlich utopischer Moment war. Magst du uns einmal dahin zurückführen und uns erzählen, was damals in euren Köpfen als Vision für die Kulturwelt stand und wie es euch gelungen ist, daraus dieses Unternehmen zu machen?
Amadeus: Ja, wie geht sowas los? Steht am Anfang eine Idee oder steht eher so ein Gefühl? Bei uns war es vielleicht eher ein Gefühl als eine Idee. Ein Gefühl dafür, dass es im Konzertleben Veränderung braucht und das Einverständnis darüber, nicht nur nachzudenken, sondern eben auch zu handeln. Konkret hatten wir als Cello-Duo eine Probe - Boris und ich sind beide Cellisten - und wir haben uns getroffen, haben einen Espresso getrunken und haben dann überlegt, angeregt durch eine Vorarbeit, die wir schon hatten, einen Wettbewerb in Hamburg zu installieren. Die Idee war, erstmal die Exzellenz nach Hamburg zu holen und diese dann mit neuen Ideen auszustatten. Also unser Ausgangsmoment war über die Besten, an das Thema Konzertveränderung ranzugehen. Das haben wir dann über sehr komplexe, zufällige und besondere Begegnungen mit wunderbaren Menschen und Unterstützern angefangen umzusetzen. Und ziemlich bald war klar, die Exzellenz reicht nicht aus. Wir brauchen den Gedanken des Gegenbildes. Wir haben uns die Frage gestellt: Was ist die Spitze und was ist die Breite? Wir haben gesagt, man hat nur so viel Spitze wie man eine Breite hat. Und die Breite haben wir definiert als unser Publikum, aber auch als Gesellschaft und als die Gruppe von Menschen, die wir ins klassische Konzert einbeziehen wollten. Daraus hat sich dann diese ganz große Idee entwickelt. Und hier sind wir jetzt dran und entwickeln sowas wie die geteilte Bühne. Das ist der Ausgangsgedanke.
Franziska: Das Konzept der geteilten Bühne - was steckt dahinter?
Amadeus: Also wir haben den Claim “Der Zukunft Gehör verschaffen”. Und “Der Zukunft Gehör verschaffen” heißt, es braucht irgendwas, wodurch was Akustisches entsteht. Also wir machen Musik, damit die Zukunft eine Zukunft hat. Und die geteilte Bühne ist genau der Gedanke, so viel Kunst zu machen, wie nötig, aber nicht mehr als das, damit ganz viel daraus entsteht in der Gesellschaft, im künstlerischen Empowerment, und in der Frage “Ist jeder Mensch eine Künstlerin bzw. ein Künstler?” (Joseph Beuys). Wir setzen genau da an und sagen, “Ja, jeder Mensch ist eine Künstlerin bzw. ein Künstler” - ihr macht es bei den 1 zu 1 Konzerten ja auch so. Wenn das so ist, dann ist der Saal voller Potenzial, und wenn der Saal voller Potenzial ist, dann kann ich ihn nicht einfach nur anspielen, sondern dann möchte ich mit ihm in einen Dialog. Wenn ich mit dem Saal in einen Dialog treten möchte, dann stellt sich die Frage, warum wir die Besucher oft in den Saal verbannen und wir sie nicht auf die Bühne holen oder uns sozusagen mit unserer Bühne in den Saal begeben und damit diese Sphären auflösen. Das ist schon ein utopischer Gedanke und vielleicht auch der krasseste Gedanke, den wir momentan bewegen, weil wir Konzerte zugunsten von Spielräumen, Risikoräumen und Vertrauensräumen zurückbauen.
Franziska: Und ganz sicher ist in diesem Impetus dieser Preis entstanden - die Auszeichnung “Mut zur Utopie”. Kannst du uns einmal dahin noch zurückführen? Und wie ist es in den letzten Jahren dann zu diesen fantastischen sozialen Sinfonien in der Elbphilharmonie gekommen?
Amadeus: Also wir hatten ja den Wettbewerb und wir haben den Wettbewerb auf die Spitze getrieben: wir haben gesagt, wir wollen den besten Klassik-Wettbewerb der Welt kreieren. Wir haben die Kammerphilharmonie Bremen als Orchester für das Finale gehabt, wir haben mit über 30.000 Euro für 21 junge Klassik-Künstler:innen ein sehr hohes Preisgeld gehabt, wir haben die Elbphilharmonie bespielt, wir haben eine NDR Live-Übertragung gemacht. Das kannst du eigentlich in den Superlativen nicht toppen. Wir hatten am Ende eine Jury, die nicht mehr aus dem Raum gegangen ist, um darüber zu urteilen, war das jetzt gut oder schlecht und mit einer Gruppenmeinung in den Raum zurückzukommen und über jemanden zu urteilen, der sich gerade maximal disponiert hat. Das haben wir abgeschafft, weil wir gesagt haben, dieses Konkurrenzdenken passt nicht zum künstlerischen Gestus. Dann haben wir gesagt, wenn es nicht mehr der Konkurrenzgedanke ist, der am Ende dann doch immer noch auf der Bühne Gültigkeit hat, wenn man ein Finale spielt, dann ist es eben die Kollaboration. Wenn ich kollaborativ künstlerisch agiere, dann geht das tatsächlich nur, wenn ich Ideale habe. Und Ideale nähren sich aus Utopien. Wir haben dann gesagt, wir wollen jetzt einen Preis für Menschen, die sich trauen, diese Welt anders und neu zu denken, die in der Lage und willens sind, radikal neue Ideen für eine Kunst zu entwickeln, die Impulse in die Gesellschaft gibt, sodass die Gesellschaft eben auch selber künstlerischer wird.
Wir haben auf diese Weise den “Mut zur Utopie” Award entwickelt, einen hochdotierten Preis. Ihr habt ihn ganz bewusst bekommen. Wir haben euch ausgewählt, weil ihr mit dem kleinsten, mit dem Nukleus sozusagen, der Beziehungskunst agiert. Die künstlerische Beziehung ist das Narrativ, woran wir auch arbeiten, mit dem Gedanken der geteilten Bühne und mit der Frage der sozialen Sinfonie. Also die Frage ist, was ist die kleinste erste Beziehungsarbeit, die eigentlich stattfinden muss, damit sie im großen gesamtgesellschaftlichen Kontext verstanden wird? Und wie schön es ist, miteinander zu interagieren und intersubjektiv aufeinander zuzugehen.
Franziska: Dankeschön. Also das ist genau das. Es ist auch genau die Herausforderung vor der wir gerade im Zusammenarbeit mit den Akademist*innen von TONALi stehen. Wie wir aus diesem kleinen Konzertformat etwas sozusagen “Vom Ich zum Du zum Wir” kreieren und, wie du auch immer gerne sagst Amadeus, dieses Wachwerden am Gegenüber ja zelebrieren können. Wie kann das in einer Skalierung auf einer großen Bühne funktionieren? Normalerweise suchen wir ja keine großen Bühnen, weil wir an Orte gehen, die eher im Verborgenen sind, an überraschenden anderen Orten, die normalerweise keine Konzertorte sind und durch unsere Intervention verwandelt werden. Wie kann diese Qualität, die wir bei den 1 zu 1 Konzerten haben, auf einer großen Bühne mit dem Publikum trotzdem funktionieren? Daran arbeiten wir gerade in mehreren Workshops und ihr dürft alle sehr gespannt sein, wie das am 3. Juli auf die Bühne kommt.
Ich möchte uns nochmal zurückführen an dem Moment, an dem wir uns kennengelernt haben. Und zwar war das auf einer Tagung der Kulturstiftung des Bundes in Köthen im Rahmen des TUNED-Netzwerks für zeitgenössische Klassik, woran ich mich noch sehr genau erinnern kann. Du hast eine Poster-Session, ein Barcamp, eine kleine Arbeitsgruppe, oder sowas in der Art, ins Leben gerufen. Wir waren aufgefordert, Fragen zu stellen, zu denen man sich austauschen möchte. Und du hast die Dystopie in der Klassikwelt und in der Kultur im Allgemeinen als Thema vorgeschlagen. Die Zukunft sieht ja überhaupt nicht rosig aus. Wir ziehen uns alle gerade warm an. Die Gründe sind vielfältig. Wie können wir eine Kraft entwickeln, um uns als Kulturlandschaft und als Kulturakteure untereinander zu helfen? Das weiß ich noch, war eine Frage, die da im Raum stand und so entstand die Idee eines Tutti-Fonds. Magst du uns vielleicht einmal hinter diese Idee führen? Das war über ein Jahr her. Was ist bisher geschehen und welches utopisches Potenzial liegt in dieser Idee?
Amadeus: Wir haben die Frage gestellt bekommen, was jetzt dran ist am Ende dieser Konferenz. Wir saßen alle in diesem großen Raum und ich habe mich gemeldet, bin aufgestanden und habe gesagt, wir müssen jetzt durch diese Zeiten, die wir alle vielfach beschrieben hatten, gemeinsam durchgehen. Am besten wirklich gemeinsam, weil sonst kommen wir da nicht durch, wenn jeder nur für sich agiert. Diesen Gedanken hatte ich auch von Carsten Brosda, unserem Kultursenator hier in Hamburg, gehört. Er hatte es auch genau so angemahnt: wir können uns warm anziehen, die Zeiten werden hart, und wir können da durchkommen, aber nur gemeinsam. Dieses Bild ist so ein ewiger Aufruf, aber auch notwendig, wenn man bei einem Netzwerktreffen ist.
Dann ist die Frage, was ist ein Netzwerk? Ich habe diese Frage dahin zugespitzt und habe eben auch gedacht, okay, wie kommen wir jetzt raus aus dieser Konferenz und waren nicht wieder nur toll unterwegs mit all den tollen Dingen, die wir tun, sondern was entsteht daraus. Und dann hatten wir eine kleine Pitch-Situation und da trafen wir uns plötzlich. Wir haben uns diese Wand irgendwie gesucht und du warst für mich da so relevant, weil ich wusste schon, wer du bist und was du kannst. Die moderatorischen Fähigkeiten, die du hast, sind so einzigartig und sehr wichtig für den ganzen Prozess gewesen. Nicht nur die moderatorischen, sondern auch die denkerischen Fähigkeiten, sodass wir uns da schon, glaube ich, ganz richtig zu der Frage getroffen haben, was kann ein Soli-Fond sein? Nicht ein Soli-Fond - ich sage es extra mit dem Wort Soli-Fond, weil den hatten wir schon nach der Wende - jetzt aber umgedeutet zu einem Tutti-Fond. Also das Solo kennen wir im Orchester und das Tutti-Moment ist eben dieses Zusammenspiel. Und wenn das Tutti wirklich zusammen spielt und wenn der Zusammenklang das Narrativ ist, dann passiert da vielleicht was.
Wir haben dann - natürlich mit all den Bildern, die wir kennen, vom europäischen Rettungsschirm und so weiter - dann gesagt, okay, was macht eine Gemeinschaft, wenn eine Person in Not gerät? Wie hilft man sich? Wir haben hier gerade einen Schneesturm in Hamburg. Der Bürgermeister ruft auf, dass man sich nachbarschaftlich hilft. Da kann vielleicht eine ältere Person gerade nicht auf die Straße. Wer kauft ein? Das sind ja alles Gedanken, die wir gesellschaftlich immer wieder trainieren müssen. In der Kultur haben wir jetzt gerade gesehen, in der Pandemie, dass es da eigentlich schon so ein Übfeld gab. Das haben wir ganz unterschiedlich beherrscht oder eben nicht beherrscht, und wir haben gesagt, wir können uns darauf nicht ausruhen, dass wir da was können, sondern wir müssen diesen Muskel richtig trainieren und am besten so, dass wir da hart rangehen, in einer Zeit, wo wir auch im Köthen alle feststellten, eigentlich mehr Geld brauchen - stabileres, sichereres Geld. Wir haben die Utopie entwickelt und haben gesagt, wie wäre es denn, und das stand schon am ersten Tag im Raum, wenn jeder von uns 1 Prozent seines Kulturetats, seines Kulturgeldbeutels, zugunsten dieser Solidarität abgeben würde? Es war schon so, dass da manche Augen aufgingen und die Fragen waren, ich kann gerade diesen einen Prozent eher gebrauchen als abgeben. Aber das ist der Muskel, den wir eben trainieren müssen, weil aus allem anderen keine soziale Solidarität entsteht.
Franziska: Und ich kann mich auch erinnern an Stimmen, die sagen, ja, aber wir nehmen die Kulturpolitik aus der Pflicht, wenn wir uns jetzt selber helfen. Das ist genau dieses Spannungsfeld, was es da zu bespielen geht. In regelmäßigen Treffen loten wir diese Fragen aus, fast über ein Jahr jetzt schon. Und ich bin unglaublich beeindruckt, wie dieses ehrenamtliche Engagement, was es letztendlich auch ist, und diesen Diskursraum, den wir da öffnen, wie der wirklich zu wahnsinnig neuen Denkanstößen führt. Für mich ist es ein Projekt, was unglaublich viel utopisches Potenzial hat und was mir auch zeigt, dass wir nicht aufhören dürfen zu träumen und Visionen zu entwickeln, ohne zu wissen, ob das jemals Realität wird. Es ist genau dieser Drang nach dem Neuen und der Drang nach der Veränderung, der uns ja irgendwie auch antreibt.
Amadeus: Ich darf ganz kurz sagen, Franziska, an der Stelle, all das gerade, was du sagst - das Nicht-Wissen, wohin es geht, und das Reinarbeiten und Reinschreiben in die Ungewissheit - ist das, was das utopische Denken ausmacht. Total notwendig gerade in diesen bisher sehr etablierten und gesicherten Kulturkontexten, die natürlich ganz unterschiedlich gelagert und schon immer prekär waren. Hilde Domin, die große Schriftstellerin und Lyrikerin, hat irgendwann gesagt “Ich tat den Fuß in die Luft und sie trug”. Ihr kennt dieses Zitat vielleicht. Wenn wir das im Kontext des solidarischen Miteinanders im Kunst- und Kulturkosmos praktizieren würden, wenn wir das im klassischen Konzert tun, wenn wir das in unseren 1 zu 1 Konzerten immer wieder erleben - in dieser Form am Gegenüber wach zu werden und zu sagen, ich gehe erstmal auf diesen Menschen zu, im Sinne des maximalen Vertrauen - dann sind wir in einer Form von Beziehungskraft und Intensität miteinander unterwegs und das braucht diese Zeit und die Zukunft.
Franziska: Also wie du sagst das Vertrauen, auch ins Ungewisse steigen zu können und zu wissen, es ist ein System da, was mich trägt, es sind Menschen da, mit denen ich gemeinsam durch diese Zeit komme. Wenn du jetzt an so ein Konzert der Zukunft denkst und du hättest einen utopischen Zauberstab, wie würde das ideale Konzert der Zukunft für dich aussehen?
Amadeus: Also das ideale Konzert der Zukunft wandelt sich permanent um. Es gibt kein fixes Bild und ich hoffe, dass alle Bilder, die da gefunden werden, immer wieder zerstört werden und sich neu entwickeln dürfen. Ich denke, das ist etwas, was wir viel zu lange nicht getan haben, selbst bei klassischen Konzerten. Wir hatten diese Bilder und trauten uns nicht, sie anzugehen. Und jetzt erkennen wir, dass diese Bilder veraltet sind und dass die Menschen kein Interesse mehr an ihnen haben, weil es alte Bilder sind. Also ich habe das Bild des Zukunftskonzertes als eines Bildes, was sich eben permanent wandelt. Ich denke aber trotzdem daran, dass es eben nicht mehr notwendig ist, Konzerte zu begreifen als da ist die Bühne und da ist der Saal und auf der Bühne stehen Menschen, die sagen oder singen oder zelebrieren und dann gibt es Rezipienten, die das eben empfangen, sondern dass es da schon um so ein dialogischeres Moment geht. Wir haben TONALi mal in einem Satz zusammengefasst: Dem Saal und dem Publikum gleichermaßen die Chance zu bieten, das klassische Konzert zu demokratisieren. Und wenn ich dem Publikum und den Künstlern gleichermaßen die Chance biete, das Konzert gemeinsam zu gestalten, dann ist das schon ein utopisches Bild, ein sehr spannendes Bild, woraus sich eine neue Kunstästhetik entwickelt, weil ich Platz mache, weil ich meine Deutungshoheit zurückfahre, weil ich nicht mehr hierarchisch agiere, und weil ich diese alte Tempelachse, wie ich sie immer beschreibe, von dort über den Saal bis zu der Säulenhalle und dann die Treppe hinunter, nicht mehr brauche.
Franziska: Ihr habt bei TONALi, um das zu erreichen, bestimmte Formate entwickelt: Ich denke an die Publikumsakademie oder das Kunstschutzgebiet. Magst du uns einmal dahin mitnehmen, wie ihr arbeitet, um das zu erreichen?
Amadeus: Ich glaube, das ist erst mal diese bedingungslose Risikofreude, die wir haben. Also wir gehen ins Risiko, wir machen uns Räume gedanklich immer einfach auf. Wir steigen in diese Räume gedanklich möglichst tief ein und wir zwingen uns geradezu, dann aber zu konkretisieren und die Dinge zu erden und sie zu erproben in der Realität. Wir verwerfen auch Ideen und schmeißen radikal raus, was nicht funktioniert. Und dann kommt eine neue Erkenntnis und sie wird kombiniert, gepaart, neu designt, wieder in die Höhe geschossen, in den Himmel geworfen, kommt runter und wird dann umgesetzt. Ich beschreibe es einmal so, weil du weißt, das sind komplexe Vorgänge.
Wie kommt man auf Ideen? Es geht nur durch eine Bereitschaft. Ich sage, wir kommen immer auf Ideen, wenn die Bereitschaft dazu da ist, Räume zu öffnen, die wir eigentlich zuhalten.
Franziska: Und wenn du jetzt in die Zukunft für TONALi blickst, nehmen wir an 30-40 Jahre, was passiert? Was sind die nächsten großen Meilensteine? Habt ihr Konkretes im Gepäck oder gibt am Horizont Themen, die ihr gerne angehen wollt, die bisher noch nicht im Kanon sind?
Amadeus: Ich bin einfach sau neugierig auf die Menschen, die nach und nach dazukommen, die Spaß haben, uns zu irritieren, die Lust haben, diesen Gedanken in die Hand zu nehmen, ihn mitzukneten, umzubauen, zu erweitern, sich aber auch mit dieser Genese des Gedankens auseinanderzusetzen. Ich bin total neugierig, was es bedeutet, viel Erfahrung in gemeinsamen Teilen von Bühnen zu sammeln. Ich bin auch sehr gespannt, ob es uns als Künstler*innen gelingen wird, dieser Demokratie, die in vielen Bereichen überholt ist, neue Impulse zu geben. Ich bin äußerst gespannt, was aus diesem neuesten Claim werden wird, den wir gerade entwickelt haben: „Idee dir das“.
Franziska: Magst du dazu noch einen Satz verlieren?
Amadeus: Ja, ich bin gespannt, was daraus wird, weil wir momentan eine Ästhetik haben, die mit dem folgenden Bild dargestellt werden kann: Es gibt eine Senkrechte, eine Waagrechte und eine Horizontale beziehungsweise eine Senkrechte, eine Horizontale und zwei Striche . Jeder Mensch kann was daraus machen. Das ist Beuys Beweis dafür, dass jeder Mensch ein Künstler ist. Allen Menschen fällt was dazu ein. Der eine macht einen Stuhl daraus, der nächste vervollkommnet daraus ein Haar und so weiter und so fort. Es entstehen viele Dinge. Und wir sagen, “Idee dir das” im Sinne von bietet dir dazu eine Idee, entwickle darüber hinaus eine Vervollkommnung, widerspreche mir. Ich habe ja auch immer nur so lange recht, bis mir jemand widerspricht. Und wenn die Kunst sich quasi so gebärdet, dass ich sage, ich habe recht, wenn ich auf der Bühne stehe aber ich lade zugleich ein, dass man mir widerspricht, dann geht das auch nur darüber, dass ich eben diesen Gedanken, “Idee dir das”, wirklich lebe. Und “Idee dir das” ist ein Aufruf an die Gesellschaft, sich alles zu Denken, gute Ideen für ein neues und vielfältiges Miteinander zu entwickeln, aber eben auch im Konzert sich Räume zu übernehmen, die wir eben stiften - Spielräume, in denen ganz neue Veranstaltungen zustande kommen, weil “Idee dir das” praktiziert wird. Also wir spielen natürlich mit diesem Claim “Idee dir das”, aber der ist saftig.
Franziska: Sehr gut. Wir verlinken das in den Shownotes. Ich habe noch eine kleine Abschlussfrage für heute. Was für einen utopischen Moment kannst du an diesem Tag noch kreieren? Für dich oder für die Menschen um dich herum.
Amadeus: Ich sage jetzt mal, wenn ich wollte, könnte ich wahrscheinlich unendlich viele solcher Momente kreieren. Wenn ich jetzt will, kann ich sagen, denk dir einfach mal jetzt in diesem Moment, du Franziska, etwas zu “Idee dir das”. Und dann habe ich dich schon gerade wieder angestachelt, diesen Raum zu bespielen - also habe ich gerade schon was im Kleinen realisiert. Und das kann ich jetzt immer, wenn ich da rausgehe auf die Straße, trotz Schneesturm, einfach praktizieren und Menschen anzetteln, Ideen zu entwickeln.
Franziska: Toll Vielen Dank, Amadeus.
Amadeus: Danke dir. Wir freuen uns riesig auf euch und auf all das, was ihr jetzt mit der Sozialen Symphonie macht.
Franziska: Dankeschön. Liebe Hörerinnen dieses Podcasts, wir verlinken euch in den Shownotes noch einen ganz tollen Podcast “15 Jahre TONALi” und auch den Link zum Tuttifonds und sowieso natürlich zum Projekt der Sozialen Symphonie, und freuen uns, wenn auch ihr heute noch rausgeht und jemand anders anzettelt zu einer neuen “Idee dir das”.
Amadeus: Idee dir das
Franziska: Tschüss.
Amadeus: Tschüss Danke.