Die Kunst der Utopie - ansteckender Zukunftsmut 29. Mai 2026

#1to1dialogues

UTOPIA DIALOGUES – der Podcast von 1:1 CONCERTS und TONALi. Hier geht es um die Zukunft der Klassik, um die Frage, wie Visionen entstehen und gefördert werden können, und um das exponentielle Potenzial utopischen Denkens. Aktuelle Herausforderungen der klassischen Musikszene werden zum Ausgangspunkt für radikal neue Ideen, die Kollaboration, Solidarität und die Demokratisierung von Konzertformaten stärken.

Der Podcast entstand anlässlich der Auszeichnung von 1:1 CONCERTS mit dem TONALi Award „Mut zur Utopie“. Sie umfasst eine einjährige Residenz in Hamburg und mündet in der Sozialen Symphonie am 3. Juli 2026 in der Elbphilharmonie Hamburg.

In der 8. Folge spricht Christian von 1:1 CONCERTS mit den TONALi-Akademist*innen Henrike Henoch und Pau Llop Rodríguez über die dritte Soziale Symphonie. Im Fokus steht insbesondere das Konzept und die Entwicklung des dritten Satzes, den sie maßgeblich gestalten. Im Gespräch geben sie Einblicke hinter die Kulissen und vermitteln mit ihrem Elan, ihrer Begeisterung und künstlerischen Sensibilität spürbaren Zukunftsmut.

Der Podcast findet ihr auch auf RTL+ und Podcast.de.

FOLGE 8

Christian: Liebe Hörer:innen, ich heiße euch ganz herzlich willkommen zurück bei den Utopia Dialogues, dem Podcast von 1:1 CONCERTS in Kooperation mit TONALi. Mein Name ist Christian. Mit Franziska bin ich gemeinsam künstlerischer Leiter von 1:1 CONCERTS, dem kleinsten, aber feinsten Konzertformat. In unserer Podcast-Reihe dreht sich alles um Begegnung und Resonanz und Anlass für dieses Gespräch und diese Reihe ist unsere Auszeichnung Mut zur Utopie, die uns im letzten Jahr von Tonali verliehen wurde. Ein ganzes Jahr lang dürfen wir in unserer Residenz eine soziale Symphonie partizipativ erarbeiten, die am 3. Juli 2026 um 20 Uhr auf die Bühne kommt. Und genau wie in unserem kleinen Format 1:1 CONCERTS fragen wir hier in unserem Podcast in ganz kurzen, knappen und intensiven Gesprächen mit unseren Hamburger Partner:innen, welche persönlichen und gesellschaftlichen Utopien brauchen wir und welche Rolle kann klassische Musik dabei spielen?

Heute sind wir zum ersten Mal zu dritt in unserem Podcast. Das heißt, es ist auch für mich ein Novum, ein 1:1:1, und wir befinden uns auf dem Tonali-Campus in Hamburg - kuschelig, immer noch im Vorraum der The Yard Gallery.

Ich habe heute zum ersten Mal zwei Akademist:innen zu Gast. In unserem 1:1:1 wollen wir darüber sprechen, wie wir die soziale Symphonie gestalten und ich heiße ganz herzlich willkommen, Henrike und Pau. 

Pau: Hallo. 

Henrike: Hallo, danke schön. 

Christian: Schön, euch hier zu haben. Wollt ihr euch kurz vorstellen?

Henrike: Ich bin Henrike, ich bin Sopranistin im Opern- und Konzertbereich und arbeite auch als Performerin und Komponistin für interdisziplinäre Projekte mit Künstler:innen. 

Pau: Ich bin Pau, ich komme aus Spanien. Ich bin in erster Linie Musiker, genauer gesagt Posaunist. Hauptberuflich arbeite ich gerade als Lehrer in einer Musikschule und kombiniere diese Arbeit mit Kulturmanagement. Die Ausbildung bei TONALi ermöglicht mir, den künstlerischen Radius meiner Arbeit zu erweitern.

Christian: Vielen Dank für die kurze Vorstellung. Ihr seid aber nicht nur wunderbare Musiker:innen und in weiteren Tätigkeiten unterwegs, sondern ihr gestaltet maßgeblich den „Peak“, den dritten Satz und Höhepunkt unserer fünfsätzigen sozialen Symphonie.

Christian: Und wollt ihr mich und die Hörer:innen einmal durch diesen verrückten und tollen Kosmos führen? 

Henrike: Ja, sehr gerne. Also generell geht es in unserem Satz um die Begegnung in verschiedenen Formen. Wir begegnen uns zu zweit, zu dritt und unsere utopische Antwort ist das „miteinander Träumen“, miteinander in die Klanglandschaften zu driften und so einen utopischen Moment gemeinsam zu erleben.

Pau: Wir haben entschieden, drei der bekanntesten Komponisten des Romantizismus in Deutschland in unseren Satz zu integrieren. 

Christian: Ja, das stimmt! In eurem Satz hören wir quasi alle wichtigen romantischen Komponisten. 

Henrike: Ja, aus Versehen irgendwie, aber es hat sich dann so entwickelt. Aber das Utopische dabei ist natürlich, dass wir diese in vielerlei Weise sehr konnotierten Komponisten - und ich sage bewusst nicht Komponist:innen, sondern Komponisten - ja auch anders besetzen und es auch unerwartete Klangsprachen zu hören gibt. 

Christian: Wie beginnt denn dieser dritte Satz, Pau? 

Pau: Wie? Natürlich mit einem schönen Posaunensolo (lacht). Wir wollten diesem Moment mit der Symphonie No. 3 von Gustav Mahler beginnen. Und am Anfang ertönt da dieser schöne Klang, und ich darf mit meinem Instrument das berühmte Posaunen-Solo des ersten Satzes spielen. Es ist für uns Posaunist:innen eine wichtige Stelle, denn es war meines Erachtens das erste Mal in der Musikgeschichte, dass die Posaune in einer Symphonie eine Art „Hauptrolle“ spielt. Und damit wollte Mahler die Naturgewalt darstellen. Aber unser Ansatz will mit diesem Solo eine Art Aufruf an die Jugend zu starten. Ein Ruf von: wir laden Euch ein, mit uns in der Elbphilharmonie zu träumen. Das ist unsere Idee. Wir beginnen mit diesem großen Moment auf der Bühne, alle sind wir da. Aber ganz anders als bei einer normalen Mahler-Symphonie, denn wir spielen ja auch mit unserem Kooperationsensemble, dem asambura ensemble aus Hannover.

Pau spielt den berühmten Posaunensolo von der Symphonie No. 3 von Gustav Mahler

Henrike: Genau, und sie spielen mit Instrumenten, die nicht europäisch sind und das ist natürlich auch sehr interessant, diesen Klang zu kombinieren.

Christian: Ja, und wir hören durch das Instrumentarium auf jeden Fall eine Verwandlung dieser „männlichen Kompositionen“. Aber wenn ich mich recht entsinne, gibt es vor dem Posaunensolo auch einen sehr weiblichen Moment, nicht wahr?

Henrike: Also die Hornstimme wird von vier Sopranistinnen gesungen, was auch etwas sehr so Fanfarenhaftes hat. 

Pau: Aber da wir ja kein komplettes klassisch-symphonisches Orchester zu Verfügung haben, haben wir entschieden am Anfang der Sinfonie, das erste Motiv statt vier oder acht Hörnern bei Mahler eine ganz besondere Besetzung zu wählen: es werden vier Sopranistinnen singen, die ja Teil unseres Team sind. Und da beginnen wir mit einer Art großer „Anrufung“ und kreieren eine tolle Stimmung. Eine der tollen Sopranistinnen sitzt gerade neben mir, Henrike. Und danach werden wir immer mehr auf der Bühne, die asambura Instrumente kommen hinzu. Und vielleicht die Schüler und Schülerinnen, mit denen wir auch im Quartierskonzert arbeiten, und dann ertönt irgendwann dieses Posaunensolo. 

Henrike: Genau, und das hat etwas sehr Ernsthaftes. Dieser Gestus hat so was sehr Prophetisches, Ernsthaftes, Anklagendes. Und das wird dann gewissermaßen gebrochen. Denn als Antwort auf dieses fragende Prophetische folgt dann das Lied „Cäcilie“ von Richard Strauss, was ja ganz konkret mit einer Frage beginnt. 

Christian: Ein Frauenname! Es fehlt also nicht an Weiblichkeit.

Henrike: Das stimmt. Auf jeden Fall nicht - sehr gut! Und natürlich fehlt es ja oft nicht an Weiblichkeit in der Oper oder im klassischen Lied. Aber natürlich auch, dass die Weiblichkeit auch wirklich ins Handeln kommt und selbst aktiv ist und transformiert, das ist ja auch nicht immer so üblich, d.h. dass die Frau nicht mehr nur ein Objekt ist, sondern auch ein handelndes Wesen mitgestaltendes Wesen. 

Christian: Ja, und dass erste Ausruf, den die Singende, also in dem Fall du, tätigst, der hat ja auch sehr viel mit Utopie zu tun.

Die TONALi-Akademistin Henrike Henoch singt in der Elbphilharmonie

© Christian Siegmund

Henrike: Absolut. Das heißt: wenn du es wüsstest, was Träumen heißt. Und ja, das ist natürlich schon ein utopischer Moment, denn oft vergessen viele Menschen ja vielleicht auch zu träumen. Und Träumen ist auch ein Privileg. Es ist natürlich viel leichter, zu träumen, wenn man eine sehr privilegierte Position hat in der Gesellschaft, wenn man so erzogen wurde, dass es einem leicht fällt, auch das Selbstvertrauen zu haben: Ich darf träumen, ich darf die Welt gestalten, ich sehe mich selbst als Weltgestalter:in. Ja. Darüber haben wir auch viel gesprochen, über dieses Paradox, eben das Träumen nicht nur naiv darzustellen, sondern das Träumen auch irgendwie ernst zu nehmen. Und so wollen wir diese Frage, wenn du es wüsstest, was Träumen heißt, für alle öffnen.

Christian: Ich war neulich auf einem wunderbaren Gesangsabend, wo »Cäcilie« gespielt wurde und wo's danach eine Publikumsbegegnung gab und da hat ein befreundeter Lyriker davon gesprochen, dass die Träume die „Sprache des Herzens“ sind, was ich total schön finde und was auch in diesen utopischen Gedanken mit einfließt. Denn was in unserem Herz ausgebildet wird, das hilft, die Träume zu beflügeln. 

Henrike: Ja, das stimmt. 

Christian: Und »Cäcilie« endet aber ja nicht abrupt. Es gibt eine Fortführung. Der Satz ist noch lange nicht zu Ende. Auf was dürfen wir uns nach dem Strauss freuen? 

Henrike: Nach dem Strauss, da gibt es einen kleinen Bruch. 

Pau: Ja, wir möchten ein Lied von Bruno Mars und Lady Gaga spielen. Und das mit einem Jugendlichenchor!

Christian: Wie seid ihr darauf gekommen? Also was ist der utopische Moment in »Die with a Smile«? 

Henrike: Inhaltlich hattest du gesagt, dass es auch von Utopie oder der Unmöglichkeit zu träumen spricht. 

Pau: Ja, und auch ein bisschen dieses Aufwecken des Liedes von Wagner, das darauf folgt. Ich liebe das sehr, Popmusik oder moderne Musik zusammen mit etwas Altem zu mischen.

Henrike: Das ist ja auch ein Sakrileg irgendwie, Wagner mit Popmusik zu kombinieren. Eine Provokation - und das finden wir super. 

Pau: Auch die Harmonie hat gut gepasst. (lacht)

Christian: Mathilde Wesendonck would be amused, I am sure!

Henrike: Total! Weil es natürlich immer die Frage ist: Wie geht man auch mit Wagner um? Denn ich muss sagen, ich liebe die Musik so sehr und ich liebe es zu hören und auch zu singen, aber natürlich, ja, schwingt auch immer diese ganze Problematik auch mit. Also es ist einfach eine Musik, die einen oder mich zumindest total in den Bann zieht, aber die ja auch dadurch auch für Propaganda benutzt wurde und so weiter.

Henrike:  Und wie gehen wir heute damit um? Also das ist, glaube ich, eine Frage, die wir jetzt nicht abschließend geklärt haben und das ist wahrscheinlich eine Frage, die immer wieder kommt, aber auch sehr spannend ist, finde ich. 

Christian: Ja, aber vielleicht darf das auch die Musik ein bisschen klären für uns. Denn was wir nicht tun, ist, „Träume”, wie wir es normalerweise kennen, mit Orchesterbesetzung zu hören oder mit Klavierbegleitung. Das sind die beiden klassischen Besetzungen, wie Träume normalerweise auf die Bühne gebracht werden. Aber wie wird das denn bei uns auf die Bühne gebracht? Ganz anders. 

Henrike: Genau, bei uns wird es wahrscheinlich mit Harfe oder vielleicht auch mit Akkordeon.

Pau: Ich bin noch nicht sicher, aber natürlich wird die Besetzung ganz anders als das Original sein. Wir wollen eine kleinere Besetzung, vielleicht auch mit einem anderen Instrument probieren. 

Henrike: Genau, und vielleicht werden wir auch ein nichteuropäisches Instrument mit reinbringen, was natürlich- 

Pau: ja, was sehr, sehr…

Christian: unwagnerianisch ist.

Henrike: In der Tat!

Pau: Total. Aber das ist natürlich dieser wichtige Moment, das ist deine Stimmung, oder? Und, und auch dieser Text von „Träume“ und den anderen Liedern, das wollen wir natürlich alles auskosten. 

Henrike: Und was auch hier ungewöhnlich ist: Wir singen das zu zweit. 

Christian: Ah! Die Frauenstimmen vom Anfang des dritten Satzes, die dürfen wir hier wieder hören.

Henrike: Genau. Und wir singen das gemeinsam, was auch eine schöne Bedeutung hat. Um durch dieses Lied auch eine Frauensolidarität zu schaffen, in einer Gesellschaft, in der das strukturell sehr schwierig zu erreichen ist. Das Stück hat also auch eine strukturelle Komponente, die darüber hinausgeht, gerade im Bereich der klassischen Musik, gerade als Sopranistin, wo wir in der Hochschule sehr zu Konkurrenz und Einzelkampf “erzogen” werden. Und diesen Moment des Zusammenkommens, des Zusammensingens und Verschmelzens finden wir wunderschön, denn so sollte die Welt sein und wir sind viel stärker, wenn wir uns unterstützen und wenn wir unser Wissen und unsere Stimmen und unsere Liebe teilen und nicht vereinzelt vereinsamen.

Christian: Das hättest Du schöner nicht sagen können, liebe Henrike. Und wenn ich das so zurückgeben darf für unsere Hörer:innen: wir hören zwei sehr unterschiedliche Stimmen, ich weiß gar nicht, wie ich eure Stimmen beschreiben würde, weil ihr habt sehr, sehr unterschiedliche Klangfarben und, ich finde das sehr berührend zu hören, wie so zum Beispiel bei „Träume“ jede Strophe auf eine ganz andere Art und Weise träumt. Und das ist auch eine große Stärke, wie du sagst, in Frauensolidarität, die wir hier sozusagen „unserem Wagner schenken“. So rum, nicht wahr? Er kann sich freuen. Und es gibt aber noch einen weiteren Teil, der wiederum ganz anders ist. Also es ist eine ganz wunderbare Reise… 

Henrike: Auch eine sehr theatrale Reise, würde ich sagen. 

Pau: Unbedingt. Ja, oder? Denn danach kommt, glaube ich, mein Lieblingsmoment unseres Satzes, wo wir „Pur ti miro“ von Monteverdi spielen und singen.

Christian: Eines der größten 1:1 in der Operngeschichte. (Lacht)

1:1 Schulkonzerte - Eindrücke

© Pauline Schüler

1:1 Schulkonzerte - Eindrücke

© Pauline Schüler

Pau:. Und vielleicht wollen wir das auch mit anderer Besetzung machen, aber natürlich mit basso continuo. Es wird sicher ein großer Moment mit großer Stimmung von Henrike und anderen Kolleg:innen. Und es ist auch ein sehr intimer Moment.

Henrike: Wo zwei Mörder:innen sich ja begegnen. 

Pau: Und sie singen so wunderschön! (lacht)

Christian: Und wir haben ja zwei Twists darin. Also der erste Twist: früher wurde es von einem Kastraten und einer Sopranistin gesungen, richtig? Und ganz oft finden wir es auch mit zwei Sopranistinnen. Das heißt aber, es stehen Nero und Poppea auf der Bühne, sie gehören zu den berühmtesten Mörder:innen der Geschichte. Nero hat Rom abgefackelt, er hat seine Gattin umgebracht, damit er mit Poppea zusammenkommen kann. Sie haben den guten Moralisten Seneca, den Philosophen, umgebracht, um ihre Liebe zu zelebrieren. Sie feiern die Liebe am Ende dieser Oper und auch am Ende unseres dritten Satzes. Aber es sind eben zwei Mörder:innen und wir haben viel darüber diskutiert - und für mich ist es so ein utopischer Moment darin - dass wir die Liebe auch diesen Verbrecher:innen nicht verweigern wollen.

Henrike: Ja. 

Christian: Ich hab auch gestern wieder bei der Probe gedacht, wie schön es ist, dass jeder und jede, also auch ein Mörder und eine Mörderin, eine zweite Chance haben und Liebe und Vergebung verdient haben. Also für mich ist es eigentlich so ein ganz spiritueller Moment. 

Henrike: Ich glaube auch, das ist eigentlich ein sehr christlicher Gedanke irgendwie.

Christian: Ja, oder auch universalistisch. Ja, aber das ist so was, was ich daran spüre, weil ich mich gefragt habe, was das Utopische darin ist? Würdet ihr das auch so sehen? 

Henrike: Ja, absolut. Also diese Zartheit von Menschen, die eigentlich sehr gewaltvoll sind. Das ist schon so ein Gegensatz und auch etwas, was mit unserem Bedürfnis zu tun hat, Menschen in Schubladen zu stecken. Dem wirkt es entgegen. Aber es ist eben einfach alles unfassbar komplex: die Menschen und ihre Beziehungen.

Christian: Auf jeden Fall. Und was mich auch noch interessiert, Henrike, du hast an unterschiedlichen Stellen in der Elbphilharmonie singen können. Wir haben jetzt gerade gehört, „Pur ti miro" als Duett am Anfang als Terzett oder Quartett in der Mitte und wir dürfen dich aber auch als eine der Kulning-inspirierten Rufenden von ganz oben aus den oberen Sitzreihen der Elbphilharmonie hören. Mich interessiert: Wie fühlt es sich an, an verschiedenen Stellen der Elbphilharmonie zu singen? Und was war vielleicht deine Lieblingsstelle? 

Henrike: Ach, schwer zu sagen. Also ich fand es wirklich ein ganz, ganz besonderes Erlebnis, dort zu singen. Mich hat es unglaublich fasziniert, wie die leisesten Töne überall im Raum hörbar waren. Und ich dachte natürlich im Vorhinein so: „Wow, das ist so ein riesiger Raum, werden wir das überhaupt füllen können?” Aber es stellt sich heraus, es ist absolut leicht. Es ist  ganz faszinierend. Denn selbst wenn jemand im höchsten Rang singt, also bei diesen Kulning-inspirierten Rufen, da haben wir auch gemeinsam so Haltetöne und reagieren musikalisch aufeinander. Und ich finde es ganz beeindruckend, wie man einander hören oder aufeinander reagieren kann, als ob man in einem kleinen Raum zusammen im Ensemble singen würde, aber wir sind eigentlich in diesem riesigen Gebäude - ganz weit voneinander entfernt. Und trotzdem gibt es das Gefühl von Nähe und Beziehung und Intimität. Das ist total großartig. 

Christian: So fern und doch so nah. So nah und doch so fern. 

Henrike: Ja. 

Akademistin Henrike Henoch prüft die Akustik im Großen Saal

© Rose Hunt

Christian: Wie schön. Und dasselbe kann ich dich fragen, lieber Pau. Wir haben dieses große, berühmte Posaunensolo. Ihr Posaunist:innen liebt es, weil es so eine erste große Hommage an euer Instrument ist in der Musikgeschichte. Lieber Pau, wie hat sich das angefühlt, als du das zum ersten Mal in der Elbphilharmonie gespielt hast?

Pau: Natürlich, für mich ist das ein Traum, dieses Solo in der Elbphilharmonie zu spielen.

Christian: Das klingt utopisch mit dem Traum. (Lacht)

Pau: Ein bisschen, oder? 

Christian: Auf jeden Fall. 

Pau: Und als wir da in der Elbphilharmonie waren und ich das Solo dort zum ersten Mal gespielt habe, da hatten wir diesen Saal ganz für uns alleine. Wir haben eine schöne Probe gehabt und als ich den ersten Ton des Solos spielte, da steht ein A in den Noten, da zog die Luft durch mein Instrument und der Ton hat den ganzen Saal erfüllt. Und für mich ist es natürlich super, denn normalerweise spielen wir im Orchestergraben, das mag ich auch sehr, denn ich spiele gerne laut und wir Posaunist:innen wollen immer laut und scharf spielen. Natürlich auch romantisch, mit Posaune. Aber ich habe mir danach auf den Probe-Videos ein paar Mal den Moment angehört, und ich konnte den Klang auf der ganzen Bühne fühlen. Also diesen Mahler 3 alleine auf der Bühne zu spielen, das war wirklich ein großartiges Gefühl. Und ich hoffe, dass wir das dann auch im Konzert am 3. Juli alle zusammen genießen können. 

Christian: Wir wollen unsere Hörer:innen auf jeden Fall einladen, ganz mutig zu uns in die Elbphilharmonie zu kommen und diese ganzen vielen feinen Dinge - fern und nah, Traum, Romantik und Barock und alles, was wir Feines von eurem tollen Satz jetzt gehört haben - zu entdecken. Ich frage euch beide aber als abschließende Frage: Was würdet ihr unseren Hörer:innen mitgeben jetzt direkt nach diesem Hören dieses schönen Podcasts? Wie können sie schon ein Stück des dritten Satzes in ihrem Leben erfahren? Was wollt ihr ihnen da für einen kleinen Tipp geben, um sich auf diesen Moment vorzubereiten oder einzufühlen?

Henrike: Hui! (Atmet aus) 

Christian: Atmen erst mal. (lacht)

Henrike: Ja, genau, atmen erst mal. Also es ist natürlich ein großes Stück und ich würde sagen, es gibt verschiedene Aspekte. Natürlich, das Träumen. Das Sich-auch-mit-sich-selbst-verbinden und, mit dem eigenen Inneren, auch mit der eigenen Stimme sich selbst verbinden, dass das auch was sehr Utopisches und Träumerisches haben kann. Da spreche ich natürlich aus einer sehr stimmbegeisterten Sängerinnenperspektive. Aber ich finde auch, dass der Gesang oder der klassische Gesang auch ein sehr utopisches Potenzial hat, weil im Prinzip ist es ja in unserer heutigen Zeit eigentlich unnötig. Also warum lernen wir, so einen Klang zu produzieren, der hörbar ist in einem riesigen Raum? Warum benutzen wir nicht einfach ein Mikrofon? Das könnten wir ja auch machen. Also es ist eigentlich ein großer Anachronismus, aber dadurch hat es, glaube ich, auch so einen Zauber und so etwas ganz Ursprüngliches, was uns so tief berührt. Und da würde ich sagen, vielleicht kann das Publikum schon mal, ja, sich einen Moment Zeit nehmen, sich vielleicht hinstellen, die Augen schließen, ein- und ausatmen durch den geöffneten Mund.

Und währenddessen einfach mal durch den Körper so einen Scan machen, die Fußsohlen, die Beine, der ganze Körper. Was passiert eigentlich mit mir, wenn ich atme? Also wie geht die Luft in meinen Körper hinein und wie fühlt es sich an, wenn ich einen ganz einfachen Ton produziere? Vielleicht produziere ich einfach ein „Ooooooh!“. Wenn ich einatme, dann kommt da der Ton. Und was macht das mit mir innerlich? Und bringt mich das vielleicht zu bestimmten Bildern? Bringt mich das zu bestimmten Träumen, die ganz aus meinem Inneren kommen, und ja -  ganz meine sind. 

Christian: Wow. 

Henrike: Das war jetzt ein großer Exkurs. 

Christian: Ja, vielen Dank für diesen Exkurs.

Christian: Also Pau, sehe ich gerade, wird es auch gleich tun, um sich vorzubereiten. Aber was gibst du noch unseren Hörer:innen mit, lieber Pau? 

Pau: Na ja, wir arbeiten jetzt viele Monate zusammen, erarbeiten dieses Konzert. Und ich finde, wir sind alles supertolle künstlerische Personen und auch sehr musikalisch. Ich finde, in diesem Konzert findet sich alles: schöne Musik, schöne Komponist:innen und eine super Stimmung und ich werde natürlich mit meiner Posaune das Beste geben. 

Henrike: Von einer super Posaune!

Pau: Ja,danke. Aber natürlich, wir gestalten ein ganzes Konzert, acht Akademist:innen zusammen, und wir musizieren immer mit unserem Herzen und ich hoffe auch, gerade bei unserem Thema, dass das Publikum auch ein bisschen mit uns träumen kann. Und das nicht nur mit unserem Satz, sondern mit der gesamten Sozialen Sinfonie. Und träumen und denken: Was mag ich davon? Was bedeutet das? Was fühle ich, wenn ich das nun hören oder sehen kann? Und ich glaube, das ist ein sehr schönes Geschenk, wenn jede Person zum Träumen kommt, oder? 

© Pauline Schlüter

Henrike: Ja, und vielleicht auch sich beim Träumen mit einem früheren Ich verbinden kann. Vielleicht auch, weil wir manchmal verlernen zu träumen, weil es nicht mehr so akzeptiert ist, wenn wir erwachsen sind. Aber sich vielleicht auch verbinden mit dem Kind, was man einmal war. Was hat dieses Kind geträumt? Wie hat es sich fantasievoll und gestaltend die Welt erschlossen? Und da vielleicht mal dran denken. 

Christian: Das klingt wunderbar. Also, ihr lieben Zuhörer:innen, ihr habt nun ein paar wunderschöne Dinge an die Hand gegeben bekommen. Nicht nur eine feine Erzählung durch diesen tollen dritten Satz, sondern auch - wenn ihr gleich den Podcast zu Ende gehört habt - probiert mal aus, auf euren Atmen zu hören, das ein oder andere „Oooh!“ zu produzieren und achtet auf eure Träume und ja, überlegt doch mal: Wie habt ihr früher geträumt und wie träumt ihr jetzt? Und wir freuen uns auf jeden Fall, euch alle am 3. Juli 2026 in der Elbphilharmonie zu sehen. Seid mutig, macht mit, kommt vorbei und liked vor allem gerne diese Folge. Und Henrike, Pau und ich, wir freuen uns auf jeden Fall über eure Anregungen, Gedanken und Resonanzen: schreibt uns gerne an team@1to1concerts.de.

Henrike: Yay.

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