Die Kunst der Utopie - wild, zart und verrückt 22. Mai 2026

#1to1dialogues

UTOPIA DIALOGUES – der Podcast von 1:1 CONCERTS und TONALi. Hier geht es um die Zukunft der Klassik, um die Frage, wie Visionen entstehen und gefördert werden können, und um das exponentielle Potenzial utopischen Denkens. Aktuelle Herausforderungen der klassischen Musikszene werden zum Ausgangspunkt für radikal neue Ideen, die Kollaboration, Solidarität und die Demokratisierung von Konzertformaten stärken.

Der Podcast entstand anlässlich der Auszeichnung von 1:1 CONCERTS mit dem TONALi Award „Mut zur Utopie“. Sie umfasst eine einjährige Residenz in Hamburg und mündet in der Sozialen Symphonie am 3. Juli 2026 in der Elbphilharmonie Hamburg.

In der 7. Folge sprechen Christian von 1:1 CONCERTS und die TONALi-Akademistin Viviane Ruof über die vokale Technik des „Kulning“, die Idee der sozialen Symphonie, sowie das legendäre Barock-Thema „La Folia“ – eine Art musikalischer Viral-Hit seiner Zeit, der sich seit dem 15. Jahrhundert quer durch Europa verbreitete. Viviane teilt außerdem ihre persönlichen Erfahrungen mit dem Format 1:1 CONCERTS und gibt spannende Einblicke in die Verbindung von Utopie und Naturheilkunde. Dabei geht es auch um die Rolle sogenannter C-taktiler Fasern und darum, wie sie unsere Wahrnehmung des gegenwärtigen Moments beeinflussen können.

Der Podcast findet ihr auch auf RTL+ und Podcast.de.

FOLGE 7

Christian: Ganz herzlich willkommen zurück bei den UTOPIA DIALOGUES, dem Podcast von 1:1 CONCERTS mit TONALi in Hamburg. Mein Name ist Christian. Ich bin gemeinsam mit Franziska künstlerischer Leiter von1:1 CONCERTS, dem kleinsten, aber feinsten Konzertformat. Hier in dieser Podcast-Reihe dreht sich alles um Begegnungen und Resonanz. Der Anlass für diese Gesprächsreihe ist unsere Auszeichnung “Mut zur Utopie”, die uns im letzten Jahr von TONALi in Hamburg verliehen wurde. 

In einer einjährigen Residenz erarbeiten wir partizipativ eine soziale Symphonie für die Elbphilharmonie, die am 3. Juli 2026 um 20 Uhr auf die Bühne kommt. Genau wie unserem kleinen Konzertformat fragen wir hier in kurzen, aber intensiven Gesprächen mit unseren Hamburger Partner*innen: Welche persönlichen und gesellschaftlichen Utopien brauchen wir und welche Rolle kann klassische Musik dabei spielen?

Heute sind wir zum allerersten Mal in unserer Podcast-Reihe in einem gemeinsamen Raum, und zwar hier auf dem TONALi Campus in Hamburg. Ganz, ganz kuschelig in einem kleinen Vorraum der Galerie The Yard und nebenan finden gerade Seminare statt und ich hab zum allerersten Mal eine unserer Akademist*innen zu Gast, mit der wir die soziale Symphonie gestalten dürfen. Die Geigerin Viviane Ruoff. Ganz herzlich willkommen. Magst du dich kurz vorstellen? 

Viviane: Danke, Christian. Ich freue mich auch total, hier zu sein und ich mag alles, was bunt ist, was Begegnungen kreiert, was sich bewegt, was inspiriert. Und deswegen freue ich mich total, an diesem gemeinsamen Utopia-Projekt hier zu arbeiten. Ich komme aus Bern, ich habe klassische Geige studiert, aber auch einen Bachelor of Science in Naturheilkunde gemacht und deswegen mag ich alles, was verschiedene Sachen zusammenbringt und was vielfältig ist. 

Viviane Ruof bei der Aufnahme der Podcast-Folge in Hamburg

© Pauline Schüler

Christian: Danke für diese kurze Vorstellung, Viviane. Das bringt uns auch schon direkt zu unserem Anfang der sozialen Symphonie, der ja ganz konkret auch mit Natur und Musik, also genau diesen beiden Seelen in deiner Brust, zu tun hat. Wir beginnen die soziale Symphonie, und so viel dürfen wir schon mal leaken, mit ganz speziellen Lauten, ganz speziellen Rufen und vielleicht magst du uns das ganz kurz vorstellen. 

Viviane: Genau, man muss sich vorstellen, man kommt in die Elphi rein und dieser ganze Saal fängt an zu summen und zu vibrieren und eigentlich entsteht dort erstmal eine Weite und wir singen einfach nur Liegetöne und in diese Weite kommen dann Kulning-inspirierte Rufe. Kulning ist eine Gesangsform aus Schweden, die in den nordischen Teilen Europas praktiziert wird und traditionellerweise von Frauen. Insbesondere in den riesigen Landschaften, wenn das Vieh den ganzen Tag über in den Fjorden da rumgekraxelt ist, wurde das abends dann wieder zurückgerufen und dafür musste man natürlich die Stimme so verwenden, dass die Klänge über zehn Kilometer hörbar sind. Und trotzdem darf das natürlich nicht anstrengend sein. Wir haben uns viele Sachen angehört, wir haben geforscht und uns inspirieren lassen, um diese Landschaft, diese Weite in die Elphi zu bringen. 

Christian: Wow, das klingt erst mal nach was ganz Außergewöhnlichem, was man sonst nicht so hören kann und was es wahrscheinlich auch in der Elbphilharmonie bisher noch nicht gegeben hat. Wie hat sich das in der Elbphilharmonie angefühlt, die ja durch ihre Architektur allein schon auch was sehr Landschaftliches hat? 

Christian bei der Aufnahme der Podcast-Folge in Hamburg

© Pauline Schüler

Viviane: Das war ein unglaubliches und sehr aufregendes Gefühl, als wir dann tatsächlich auf der Elphi-Bühne, aber zuerst mal auch einfach im Raum verteilt auf allen Rängen standen und eben die innere Landschaft noch ganz präsent hatten von Fjorden, von Hügeln, von weiten Wäldern und dann aber diese Rufe uns gegenseitig geschickt haben. Und die Elphi ist ja auch deshalb faszinierend, weil sie eben einfach so rund ist und immer umgeben von Menschen ist. Mich hat das total fasziniert, dass egal, ob man ganz, ganz zuoberst ist oder unten direkt vor der Bühne, dass man so klar und transparent alles hört und dass der Raum auf der einen Seite wie eine Lupe ist und ganz viel Nähe generiert und auf der anderen Seite ist er aber auch wie so ein Prisma und es ist total viel Weite und irgendwie so ein schönes Spiel drin. Mit diesen Gegensätzen zu spielen und dann eben diese Gesänge an den Raum anzupassen, war eine unglaublich schöne Erfahrung. 

Christian: Und hat sich auch ebenso wahnsinnig angehört als Zuhörer. Also ich hab mich gefühlt wie in einer Art Dschungel. Die Elbphilharmonie ist wie so eine Art Treibhaus, ein kleines Universum geworden, in dem man sich ganz klein, aber auch ganz groß gefühlt hat.

Liebe Viviane, es war jetzt ganz viel in der Vergangenheit, dass du gesprochen hast, diese Kulning-Rufe und ich hab auch ein bisschen dazu gelesen natürlich. Und das ist eine Tradition, die es auf den Almen in Skandinavien gar nicht mehr so wirklich viel gibt. Deswegen frage ich mich gerade: Was hat denn dann Kulning, wenn wir so viel in der Vergangenheit sprechen, mit Utopie zu tun?

Viviane: Also ich glaub, der Raum, den wir dort am 3. Juli öffnen wollen, das ist ein Raum, wo imaginiert wird, gespielt wird, wo man Sachen erfahren kann, wo Unvorstellbares plötzlich vorstellbar wird. Und diese Kulning-Rufe sind eigentlich dieser Ruf nach Hause und für jeden auch nach Hause zu sich selbst zu kommen. Für mich geht die soziale Symphonie auch ganz viel ums Hören, weil in der Begegnung ist es ja total wichtig, dass man nicht nur Dinge erzählt und sendet, sondern dass man sich auch fürs Gegenüber interessiert und wahrnimmt, was die andere Person gerade beschäftigt. Und ich glaube, da ist Kulning eine wunderschöne Eröffnung, die eben dieses Lauschen ermöglicht, dass man sich da erst mal einfach von diesen Klängen umgeben fühlt und dann alles Weitere in dieser sozialen Symphonie anders erlebt.

Wie klingt Kulning in der Elbphilharmonie? Bei unserer ersten Probe für die Soziale Symphonie Nr. 3 haben wir es ausprobiert.

© Rose Hunt

Christian: Wow. Ja, und es ist ja eben auch, wie du sagst, das Dialogische darin. Also wenn man aktiv zuhört, dann entsteht direkt ein Dialog, weil das, was in einem als Hörer drin ist, oder auch als Singende, das resoniert dann miteinander und so haben wir einen Dialog. Wir haben auch ganz viele Frauen gefunden, die dazu bereit waren, und diesen Raum mitgestalten wollen.

Wie hat sich das angefühlt? Für mich hat es sich mit Gänsehaut angehört. Das war irre und ist irre, euch so zu hören. Aber wie fühlt sich das im Verbund mit ganz vielen hohen Frauenstimmen an, diese Dialoge und diese Rufe in die Elphi zu senden?

Viviane: Das ist in der Tat ein sehr besonderes Gefühl, dort zu stehen und diese Rufe rüberzuschicken und sich vorzustellen, dass da ein Fjord in der Mitte ist. Und es ist sehr schön, mit verschiedenen Frauenstimmen das zusammen zu machen. Also wir sind Akademist*innen von TONALi, wir sind aus verschiedenen Frauenchören in Hamburg und ganz verschiedene Stimmen aus verschiedenen Altersgruppen kommen da zusammen und rufen einfach. Das hat was absolut Zauberhaftes.

Christian: Und es hat auch was Utopisches. Jetzt wird das auch ein bisschen deutlicher, wenn man sich vorstellt, dass da Generations und Grenzen überwunden werden, unterschiedliche Frauenstimmen da zum Tragen kommen. Und was mich jetzt noch interessiert, ist wie habt ihr denn euch diese Technik, oder diese an Kühlning inspirierte Technik, aneignen können? Wir haben uns nämlich noch jemanden ins Team dazu genommen, Viviane. Magst du kurz berichten? 

Die TONALi-Akademistin Henrike Hennoch singt Kulning-Rufe in der Elbphilharmonie

© Christian Siegmund

Viviane: Ja, das war eine wunderbare Reise und wir haben uns da so vorsichtig rangetastet und eine gute Freundin von mir aus Bern, sie ist Tänzerin und Sängerin und kommt eben aus Schweden. Sie ist nach Hamburg gereist und hat mit uns einen Kühlning-Workshop gemacht, um diese Kühlning-inspirierte Musik mit uns zu entdecken. Dort haben wir verschiedene Klänge ausprobiert, gesucht, uns Echos gegenseitig gemacht, die Rufe durch den Raum geschickt, gehört, wie das von der Mauer wieder zurückgespiegelt wird. Das ist sehr schön, wie wir uns quasi durch das Tun alle kennengelernt haben und es dann am nächsten Tag gleich in die Elphi transportiert haben.

Christian: Ja, das ist wunderbar und mir ist es auch so gegangen. Also wir sprechen über Sia Liebermann, deine liebe Freundin und jetzt unsere Kollegin, die nicht mehr wegzudenken ist aus der Sozialen Symphonie. Ich habe manchmal das Gefühl, dass die Soziale Symphonie mittlerweile so eine Art Entität geworden ist. Ein Wesen, das vielleicht wir gar nicht mehr wirklich leiten und bestimmen, sondern dass sich seine eigenen Wege sucht, seine Mitarbeiterinnen und Mitgestalterinnen sucht. Das Tolle ist, dass Sia auch eben nicht nur da, nicht nur in ihrem Gesang, sondern auch durch ihr Wesen, durch ihren Charakter und auch durch ihre tänzerischen Fähigkeiten, wie wir gesehen haben, wie das perfekte Puzzlestück in unserer, zu unserer Sozialen Symphonie dazugekommen ist. 

Es gibt einen Teil in unserer Sozialen Symphonie, der auch am Anfang steht, also nach den Kühlning-Rufen, und auf den würde ich auch gerne zu sprechen kommen, denn aus diesen Kühlning-inspirierten Rufen, wie geht es dann weiter? Wir eröffnen diesen Stimmenraum, diesen stimmlichen Raum und auf was dürfen sich die Zuhörer und Zuschauer am 3. Juli freuen? 

Viviane: Es geht weiter mit einem sehr berühmten Barockthema, mit “La Folia”. Das ist eigentlich ein großes Feuerwerk, was da ausbricht. Nämlich ist “La Folia” ein barockes Thema, also eigentlich eine Harmoniefolge von jeweils acht Takten, worüber improvisiert wurde und wo dann ganz viele Komponisten Sachen dazu geschrieben haben. Es ist im 15. Jahrhundert entstanden und ist durch ganz Europa wie ein Lauffeuer gegangen. Ganz viele Komponisten haben das dann weiterentwickelt, haben ihre Variationen dazu geschrieben und die Leute haben dazu getanzt - das war wirklich so ein Feierstück eigentlich. Also das war der Barockbanger Europas sozusagen.

Viviane Ruof und Ipek Atila spielen das Thema "La Folia" auf der Bühne der Elbphilharmonie

© Rose Hunt

Christian: Also wir holen das mittelalterliche Bergheim in die  Elbphilharmonie…

Viviane:  Ich finde das auch total wichtig, weil wenn man sich jetzt vorstellt, das hat in Portugal angefangen und dann ging's auf Spanien - es hieß auch “Le Folie d'Espagne”. Dann ging's nach Italien und Frankreich und dieses Thema hat wirklich Europa verbunden. Gerade in Zeiten, wo es wieder viel Abschottung gibt, wo es Grenzmarkierungen, Grenzziehungen gibt, aber auch Grenzüberschreitungen, find ich das ein total schönes Signal, wieder ein Thema zu nehmen, was so berühmt war und was die Menschen verbunden hat, was alle kannten, wirklich so ein Volksgut. Das aufzugreifen und dann, was  in Portugal angefangen hat, dann im Norden Europas jetzt wieder aufzuführen. 

Christian: Also dürfen unsere glücklichen Zuschauer "Les Folies d'Hambourg" erleben. Also "La Folia" oder "Les Folies" heißt ja eigentlich die Verrücktheit oder das Verrückte. Was ist der utopische Gedanke an Verrückten? 

Viviane: Der utopische Gedanke am Verrückten, und jetzt spezifisch bezogen auf “La Folia”, ist, dass jemand anfängt zu spielen und es kommen immer mehr Menschen dazu. Es ist was einen gar nicht stillsitzen lässt. Man muss anfangen zu tanzen und dadurch entsteht Freude, Begegnung, die Menschen bewegen sich. Es ist ein Strudel, der auf der Bühne passieren wird und es wird immer wilder, immer mehr Variationen, mehr Instrumente geben. Das hat für mich schon sehr was Utopisches, dass man sich einfach in diesem Freudemoment gemeinsam begegnet. 

Christian: Und in diesem Motiv werden alle Grenzen sozusagen überwunden und reihen sich ein, in den verrückten Reigen, der uns alle verbindet und uns nicht trennt, wie du sagst.

Einblicke in die Probe für die soziale Symphonie

© Rose Hunt

Viviane: Ja, genau, wie du sagst. Also dieser Moment, in dem einfach die Verbindung im Vordergrund steht, ist was Besonderes, was wir da herauskristallisieren wollen. Und ich erinnere mich gerade an einen TONALi-Moment, den wir hatten: Wir sind zusammengewürfelt worden, wir mussten Wohnzimmerkonzerte machen und ich war in einer Gruppe mit einer Cellistin aus England, mit einem Bratschisten aus Armenien, mit einer Geigerin aus der Türkei und ich aus der Schweiz. Wir hatten irgendwie eine halbe Stunde Zeit, um uns ein Repertoire aufzubauen und dann sind wir mit unseren Instrumentenkästen durch das Quartier gezogen und haben einfach Leute gefragt, ob wir denn bei ihnen im Wohnzimmer spielen sollen. Und da haben sich so lustige Erlebnisse zugetragen. Zum Beispiel sind wir einmal durch eine Straße gelaufen und es stand gerade eine junge Frau am Fenster und hat geraucht und wir sind mit ihr ins Gespräch gekommen und sie hat gesagt: „Ja, kommt rein, kommt rein." Und sie hatte gerade ihren neuen Freund der Mutter vorgestellt und die saßen da alle im Wohnzimmer und dann haben wir unsere Noten auf die Staffelei gestellt und haben dort gespielt und die haben angefangen zu tanzen und ein Hund ist da rumgesprungen und es war ein großartiges Erlebnis mit lauter Leuten, die sich eigentlich nicht kennen. Da ist dann einfach eine Verbindung sofort entstanden und man war sofort in Themen und Gesprächen, die so berührend und tief waren, wo man nie hingekommen wäre, wenn man sich einfach irgendwie an einem anderen Ort so ein bisschen anonym kennengelernt hätte. 

Christian: Das heißt, diese “La Folia” spielt eine große Rolle schon von Anfang an, in der gesamten Zeit, die du bisher in der TONALi-Akademie verbracht hast, und sie darf eine Rolle am Anfang der Sozialen Symphonie spielen. Und es könnte vielleicht auch sein, dass die Zuhörenden am 3. Juli sie mehrfach hören werden. Aber wir wollen auch nicht zu viel verraten. 

Viviane: Das kann gut sein. Da muss man dann kommen und sich überraschen lassen. 

Christian: Liebe Viviane, ganz klein und ganz groß fühlt man sich auch bei unseren 1:1 CONCERTS und mich interessiert auch zu hören, was für Erfahrungen du mit unserem Format auf dem Weg zur sozialen Symphonie als ein 1:1 CONCERTS Spielende gehabt hast.

Viviane: Es war ein wunderschönes Erlebnis, dieses 1:1 Format direkt ausprobieren zu können und nicht nur darüber zu lesen, sondern wirklich sofort ins kalte Wasser geschmissen zu werden und diese Konzerte spielen zu dürfen. Und wir haben hier ein paar Konzerte gegeben und dann war aber das Verrückteste, was ich bis jetzt erlebt habe, war auf dem Nachtzug von Hamburg zurück nach Bern. Und zwar war ich da im Liegewagen, aber es war alles schon ausgebucht, deswegen hatte ich einen Sitzplatz. Und ich war in einer sechser Kabine und es war alles voll mit Menschen, mit ganz viel Gepäck, mit ganz warmer Heizung und die Leute haben dann um Mitternacht angefangen, ihre Mahlzeiten auszupacken. Dementsprechend hat es da auch gerochen und es war sehr schwer auszuhalten. Dann bin ich den Gang auf und ab getigert und dann bin ich mit einem Schaffner ins Gespräch gekommen und er hat gesagt: „Ach, weißt du, ich hab hier noch so 'ne extra Kabine. Ich mach dir die jetzt mal auf." Und dann konnt ich tatsächlich in dieser Extrakabine schlafen und dann hab ich ihm als Dank - es war inzwischen schon drei Uhr morgens - irgendwo zwischen zwei Bahnhöfen in Deutschland auf den Gleisen ein 1:1 CONCERT gespielt, weil er nämlich den Aufkleber auf meinem Geigenkasten gesehen hat. Und dann saßen wir zu zweit in diesem Sechserabteil und haben um drei Uhr morgens ein 1:1 CONCERT gehabt. 

Christian:  Wow, mitten irgendwo auf einer weiten Bahnstrecke. Äh, was für ein feines und persönliches Geschenk und wie immer eine Resonanz des Lebens, das dann zu Klang und Geschenk führt. Vielen Dank, Viviane. Das ist ein sehr, sehr, sehr inspirierender Konzertmoment, den du mit uns teilst. Danke schön. 

Liebe Viviane, vielen Dank. Was denkst du, wie können wir den Zuhörenden unseres Podcasts heute, etwas mit auf den Weg geben, um schon heute selbst aus sich heraus ein Stück von dieser Wildheit, ein Stück von dieser Verrücktheit der Einenden, zu erleben, im Hier und Jetzt? Was magst du ihnen anraten?

1:1 Schulkonzerte - Eindrücke

© Pauline Schüler

Viviane: Also da fällt mir jetzt gerade was aus der Medizin, beziehungsweise der Naturheilkunde ein. Und zwar gibt's da die C-taktilen Fasern und das sind afferente Nervenfasern, also die führen zum Gehirn und die reagieren auf zarte Berührungen, also besonders Körpertemperatur, langsam feine Berührungen und das sind ganz starke Signale. Sie sind irgendwie besonders, weil zum Beispiel die Schmerz-Fasern leiten sehr schnell und sind ja auch dringend, weil man ja mitkriegen muss, wenn jetzt da irgendwie man sich das Bein verletzt hat oder so. Aber diese C-taktilen Fasern sind was Besonderes, weil sie ja nicht in dem Sinn ein großen Überlebens-Nutzen haben, aber weil sie sofort so ein Wohlgefühl machen und weil sie eben dieses Berührtwerden transportieren. Und ich glaube, wenn man diese C-taktilen Fasern, wenn man das auf Alltägliches und auf die Musik überträgt  und sich berühren lässt von dem, was um einen rum ist, dann hat man die Möglichkeit, intensiv wahrzunehmen und die ganz alltäglichen Situationen irgendwie zu schmücken oder zu entdecken, wie viel “La Folia” da eigentlich schon drinsteckt.

Christian: Wow, vielen Dank, liebe Viviane. Und liebe Zuhörer*innen, wir packen euch das natürlich in die Shownotes. Wir geben euch hier ein kleines Rezept für ein kleines Stückchen soziale Symphonie heute schon, mit den C-taktilen Fasern und dazu etwas Kühling inspiriertes Rufen und noch etwas La Folia. Da seid ihr bestens gerüstet.

Wir wollen euch ganz herzlich einladen, das, was wir jetzt hier so bisschen hören durften von dir, liebe Viviane, am 3. Juli um 20 Uhr in der Elbphilharmonie zu erleben, mutig zu sein, vielleicht heute schon auch ein bisschen C-taktil in der Welt zu sein. Und wir hoffen, euch hat diese Folge mit uns gefallen. Liked sie ganz gerne. Viviane und ich freuen uns über eure Anregungen und eure Gedanken, eure Resonanzen zum heutigen Podcast. Schreibt uns bitte an team@1to1concerts.de. Und ganz vielen Dank noch mal, Viviane, dass du hier so fantasievoll unseren Hörer*innen einen Eindruck gegeben hast.

Viviane: Danke schön!

© Pauline Schüler

Nächste