Die Kunst der Utopie – vorausschauendes Handeln
06. Mai 2026
#1to1dialogues
UTOPIA DIALOGUES – der Podcast von 1:1 CONCERTS und TONALi. Hier geht es um die Zukunft der Klassik, um die Frage, wie Visionen entstehen und gefördert werden können, und um das exponentielle Potenzial utopischen Denkens. Aktuelle Herausforderungen der klassischen Musikszene werden zum Ausgangspunkt für radikal neue Ideen, die Kollaboration, Solidarität und die Demokratisierung von Konzertformaten stärken.
Der Podcast entstand anlässlich der Auszeichnung von 1:1 CONCERTS mit dem TONALi Award „Mut zur Utopie“. Sie umfasst eine einjährige Residenz in Hamburg und mündet in der Sozialen Symphonie am 3. Juli 2026 in der Elbphilharmonie Hamburg.
In der 6. Folge sprechen Franziska von 1:1 CONCERTS und Boris Matchin von TONALi über die faszinierende Geschichte von TONALi und die verschiedenen Formate und Projekte, die in den letzten 15 Jahren entstanden sind. Möchtet ihr erfahren, wie man eine solche Organisation ins Leben ruft, sie mutig weiterentwickelt und die Finanzierung sicherstellt? Mit anschaulichen Bildern und prägnanten Worten erklärt Boris, wie er und Amadeus Templeton TONALi künstlerisch in die Zukunft führen.
Der Podcast findet ihr auch auf RTL+ und Podcast.de.
FOLGE 6
Franziska: Willkommen bei UTOPIA DIALOGUES, dem Podcast von 1:1 CONCERTS in Kooperation mit TONALi. Mein Name ist Franziska und gemeinsam mit Christian bin ich künstlerische Leiterin bei 1:1 CONCERTS - dem kleinsten, aber vielleicht auch intensivsten Konzertformat, in dem es um Resonanz, Begegnung und mutige Zukunftsbilder geht.
Anlass für diese Gesprächsreihe ist der TONALi Award “Mut zur Utopie”. In einer einjährigen Residenz arbeiten wir gemeinsam an einer sozialen Symphonie, die am 3. Juli in der Elbphilharmonie Hamburg auf die Bühne kommt, als Labor für neue Formen von Konzert, Publikum und Stadt. In jeder Folge fragen wir, welche persönlichen und gesellschaftlichen Utopien wir brauchen und welche Rolle klassische Musik dabei spielen kann.
Heute spreche ich mit Boris Matchin. Du bist Cellist, Mitgründer, Mitgesellschafter gemeinsam mit Amadeus von TONALi und entwickelst seit vielen Jahren Formate zwischen Konzert, Bildung und Stadtgesellschaft. Wenn du den Begriff “Utopie” hörst, welches Bild taucht da bei dir ganz spontan auf?
© Pauline Schüler
Boris: Hallo Franziska, ich freue mich sehr, dass wir heute gemeinsam über ein so faszinierendes Thema sprechen. Was deine Frage angeht, so habe ich mir das vorhin tatsächlich auch schon gefragt. Ich habe mir natürlich bereits die beiden wunderbaren Redner angehört, die vor mir gesprochen haben, und habe eine ungefähre Vorstellung davon, in welche Richtung das Gespräch gehen könnte. Und tatsächlich habe ich zunächst einige Schwierigkeiten mit dem Begriff „Utopie“, und das liegt an meiner Jugend. Ich bin in Moskau geboren. Als Jugendliche habe ich die 1980er Jahre erlebt – sozusagen die ersten Freiheitswinde. Und damals war Utopie eine gesellschaftskritische oder vielleicht freidenkerische Zukunftsvision, die in dieser Gesellschaft nicht en vogue war. Das war auch nicht unbedingt das, was uns in der Schule beigebracht wurde. Ganz im Gegenteil, eigentlich. Ich kann es jetzt nicht wirklich erklären, aber ich habe einen eher negativen Eindruck, einfach ein Bauchgefühl, dass von bestimmten Utopisten gesprochen wurde, die der Gesellschaft nichts Gutes gebracht haben.
So ein komisches Bild. Ich bin zum Glück schon seit über 30 Jahren Wahlhamburger und arbeite in diesen Zukunftsbildern und mittlerweile habe ich ein ganz anderes Verhältnis zu dem Wort Utopie. Gestern war ich in einem Workshop zum Thema Resilienz und ich glaube, Utopie ist die Überlebensstrategie der Menschheit. Ohne die Utopie wären wir ausgeliefert. Ich glaube, das ist der Kern und Nukleus unseres gemeinsamen Überleben, weil wenn es schwierig wird, egal in welchem Zusammenhang, das Einzige, was uns ein bisschen Hoffnung gibt und morgens den nötigen Kick gibt, um den Tag zu überstehen, ist vielleicht eine Utopie.
© Pauline Schüler
Insofern habe ich in den letzten Jahren tatsächlich das Bild korrigieren können, insbesondere durch die Arbeit hier bei TONALi und mit all den Partner*innen, die uns in diesen vielen Jahren begleitet haben. Immer wieder haben wir darüber gesprochen, was uns denn eigentlich morgen erwartet. Und diese utopische Gedanken verbinde ich mit morgen oder sogar übermorgen. Wir haben ja viel darüber in der Szene gesprochen in den letzten Jahren. Übermorgen ist das Spannende.
Franziska: Utopie als Überlebensstrategie - das finde ich eine ganz tolle Definition. Und ich glaube auch, das hat natürlich mit deiner Biografie zu tun. Ich bin in der DDR aufgewachsen, zwar als Kind und Jugendliche, die Wende dann aktiv miterlebt, aber gleichzeitig fand ich immer, dass diese Grenze, diese Mauer, uns ja auch beflügelt hat, darüber hinauszudenken.
Vielleicht macht uns das eben auch zu besonderen Transformationsmenschen, die halt einfach schon Umstürze und Umbrüche erlebt haben und bewältigt haben und somit prädestiniert sind, in Utopien zu denken, zu träumen und sie zu machen und zumindest zu versuchen zu realisieren. Utopien bleiben ja immer unwirklich auf eine Art, aber diese Kraft und Bewegung dahinter ist ja das Wichtige was uns antreibt.
Boris: Ja, spannend. Es gibt immer diese Spannung. Ich vergleiche das mit einem Bild, wenn ich in einen Wald gehe, da bin ich zwischen zwei Gefühlen zerrissen. Neugierde: Was ist denn da hinter diesem Wald? Und ein bisschen Angst: sich zu verlieren. Meistens ist die Neugierde doch überwiegend stärker als die Angst und dann geht man immer einen Schritt weiter.
Franziska: Schön. Ja, mit großer Neugierde habt ihr ja diesen Preis “Mut zur Utopie“ damals ausgeschrieben. Magst du uns nochmal dahin zurücknehmen, aus welcher Motivation heraus ihr der Meinung wart, es braucht hier diese Auszeichnung und wir entwickeln diese soziale Sinfonie. Gab es dafür einen Anlass?
Boris: Ich glaube nicht, dass es einen bestimmten Auslöser gab. Es war eher ein Prozess. Irgendwann kamen Amadeus und ich auf diese Idee: Der Zukunft eine Stimme geben. Das ist seit 15 Jahren unser Hauptmotto. Und anfangs, wie du weißt und wie viele, die TONALi kennen, wissen, waren wir eine Zeit lang ein Wettbewerb – ein klassischer, für drei Instrumentalgattungen, der jährlich stattfand, und wir hatten immer einen Preis. TONALi war damals ein Musikpreis für junge, aufstrebende Talente aus Deutschland und dem deutschsprachigen Raum. Und als wir schließlich vom Wettbewerbsaspekt – also dem „Gegeninander-Wettstreit" – abkamen, verspürten wir dieses absolute Bedürfnis, eine Utopie zu entwickeln: Was liegt eigentlich morgen vor uns? Ich glaube, wir arbeiten immer am Übermorgen. Es gab also diese Absicht zu sagen: „Wie wäre es, wenn wir auf Wettbewerb verzichten?“ Und dann stellte sich die Frage: „Nun, was machen wir mit dem Preis?“ Und das haben wir auf zwei Arten gelöst, indem die Akademist*innen – oder besser gesagt, die Menschen, die zu uns kommen – am Ende der Akademie im dritten Jahr diese Stipendienprojekte haben, wo jeder ein bis zu 10.000 Euro Stipendiengeld kriegt dafür, um ein kunstsoziales Projekt zu lösen. Früher gab es nur einen Menschen, der diesen Preis bekommen hat. Jetzt bekommen alle den Preis oder beziehungsweise diese Möglichkeit, sich zu entwickeln.
Und genau das ist im Grunde genommen die Idee hinter dem Motto „Der Zukunft Gehör verschaffen“. Ich glaube, dass insbesondere junge Menschen, die noch auf der Suche nach ihrem Weg sind, viel mehr davon profitieren können, wenn ihnen nicht nur ein Preis angeboten wird, der ihnen vielleicht einen schönen Urlaub ermöglicht oder eine Anzahlung für ein Instrument, sondern einfach eine Antwort auf die Frage: Wo stehe ich in Bezug auf meine Zukunft, und was ist meine persönliche Utopie?
Boris: Das ist der eine Aspekt, und der andere war natürlich, dass wir weiterhin diejenigen unterstützen wollen, die bereits eine Vorreiterrolle einnehmen. Dazu gehören zum Beispiel du und Christian und alle anderen, die vor euch da waren, sowie hoffentlich auch diejenigen, die noch folgen werden. Und all jenen, die sich bei uns bewerben, ein solches Beispiel präsentieren wollen, um herauszufinden, wohin die Reise für jeden von ihnen persönlich führen könnte, und um zu sagen: Seht her, einige utopische Denker bringen mit Mut etwas Wunderbares hervor. Und das muss nicht immer etwas sein, das sich sofort in ein Bankguthaben umsetzen lässt. Und deshalb lautet unser Motto „Mut zur Utopie“.
Franziska: Schön. Also ich mag den Gedanken - dieser Weg, von dem Gegeneinander anzutreten, der Bessere gewinnt, hin zu diesem Miteinander. Das ist ja das, was wir mit dem Begriff der geteilten Bühne in beiden Projekten verbinden. Bei uns ist eben auch Künstlerin und Publikum in einem gemeinsamen Raum und alles entsteht tatsächlich erst über den Dialog und das Miteinander. Und du hast mir im Vorgespräch erzählt, dass ihr gerade an der Musikhochschule in Hamburg auf wieder wart oder ihr seid an vielen anderen Hochschulen auch unterwegs. Magst du kurz berichten, was du mit dieser geteilten Bühne und diesem gemeinsamen Raum meinst?
© Swanhild Kruckelmann
Boris: Ja, das ist ein ganz großes Feld. So einfach ist das auch nicht erklärt. Ich glaube, das ist wie mit dem Wald. Es macht einem ein bisschen Angst, weil ich als Musiker - als sehr klassisch und auch sehr traditionell zunächst herbeigeführter Musiker - einen sehr langen Weg machen musste. Vor 15 Jahren war mir die Bühne noch hoch und heilig. Da durfte wirklich nur das Top of the Top auf diese heilige Bühne und der Rest durfte nicht atmen. Das war so absolut meine feste Überzeugung. Ich kann es auch nicht anders, ich bin einfach so. Aber ich dann von diesem Bild weggegangen. Und das Konzept der geteilten Bühne hat wahrscheinlich noch viel größeres Potential, als ich mir überhaupt selbst vorstellen konnte.
Ich beschreibe das aus einer anderen Perspektive. Ich habe ein Buch gelesen: “Die Entfesselte Klassik”. Da ging es darum, dass ein Künstler oder Künstlerin die Bühne verlässt, geht in den Publikumsraum und macht diese ermittelnde Tätigkeit und lernt eine andere Perspektive kennen, eine ganz andere Lebenswirklichkeit als man sonst in diesen relativ elitären, in sich geschlossenen Räumen als ausgebildeter Musiker sonst erfährt. Sie kehrt später zurück auf die Bühne mit einer neuen Erfahrung, die wiederum die Konstrukte oder das Konstrukt, das man sonst kennt, von innen heraus dekonstruiert. Diese neue Information ist genau das, was man eigentlich benötigt, um die nächsten Schritte machen zu können.
Und deswegen ist diese geteilte Bühne für mich eine Haltung. Das ist ein Raum, wo alle eingeladen sind, mitzuwirken, aber insbesondere diejenigen, die vielleicht so privilegiert sind, weil sie super begabt sind, weil sie diese Möglichkeit erhalten haben, zeitlang sehr individuell mit sehr viel Förderung sich in eine bestimmte Richtung zu entwickeln. Und da ist die Frage, wie viel habe ich als so ein toller Musiker oder Musikerin, wie viel Zuspruch habe ich bekommen und wie viel Zuspruch darf ich oder kann ich zurückgeben und in welcher Form.
Der Akademist Pau Llop Rodríguez spielt ein Konzert für ein älteres Ehepaar
Und das ist für mich diese geteilte Bühne, dieser ganz große Raum, eine Stadt, eine Gesellschaft, wo ich einfach mit ganz großen Augen oder offenen Herzen, offenen Ohren unterwegs sein darf und eben die Wirklichkeit kennenlernen kann und diese dann später auf meine Bühne mitnehmen kann - in Form von Menschen, in Form von Gedanken, in Form von anderen Künsten, die ich vielleicht noch nicht so kennengelernt habe. Und dann eben halt künstlerisch. Das ist das, was für mich die absolute Voraussetzung in irgendeiner künstlerischen Form, dann nachher verarbeiten kann, alleine oder eben mit all denjenigen, die ich kennengelernt habe.
Franziska: Wir befinden uns ja mittendrin in der Entwicklung der Sozialen Symphonie - gemeinsam mit den Akademist*innen - und es ist ja ein unglaublich großes Projekt mit sehr vielen Beteiligten. Und es ist ein partizipatives Projekt, das heißt, wir wollen alle Stimmen hören, alle sollen bis zu einem gewissen Grad in irgendeiner Form mitwirken und es ist tatsächlich in den letzten Wochen ein sehr interessanter Prozess. Wir ringen sozusagen wöchentlich darum, bringen neue Ideen ein und müssen auch tatsächlich erstmal in unseren Teams und mit den Schüler*innen Prozesse oder Workflows, auch irgendwie Arbeitsweisen entwickeln, die genau das, was du beschreibst Boris, ja ermöglichen. Also sowohl zulassen von ganz vielen Perspektiven und Stimmen und gleichzeitig darauf achten, dass das dann wohl dosiert auch irgendwie Einzug erhält auf am Ende die große Bühne der Elbphilharmonie. Und das ist ein sehr, sehr interessanter Prozess, wo man sehr oft loslassen muss, wo man sehr oft noch mal neu anfangen muss, ja.
Also insofern es ist, finde ich, wirklich ein sehr herausfordernder Prozess, künstlerisch gesehen auch, weil es geht eben nicht darum, wie du auch sagst Boris, dass jeder mit seiner künstlerischen Idee sich durchsetzt, weil dann wären wir wieder genau bei der Ellenbogen-Gegeneinander-Situation, sondern wie schaffen wir ein Miteinander, was trotzdem zu einer künstlerischen Qualität ja auch führt.
"Either you play or you dance" - ein spontan entstandenes Motto der sozialen Symphonie
Das ist das, worüber wir auch gerade viel sprechen. Mega spannend. Ich frage mich aus deiner Perspektive vor allen Dingen hier ja auch als Kulturunternehmer, als Geschäftsführer gemeinsam mit Amadeus, ihr seid die beiden, die solche Projekte auf die Spur setzen, die die Gelder dafür beantragen, die über Jahre hinweg sich ein fantastisches Netzwerk aufgebaut haben, um solche partizipativen Projekte, wo sozusagen der Fokus ja viel mehr auf Teilhabe als vielleicht nur auf dem Ergebnis liegt, möglich zu machen. Kannst du uns einen Einblick darin geben, ob das für die Akquise von solchen Projekten genauso herausfordernd ist, wie für die Durchführung oder wie erlebst du das gerade in unserer Kulturlandschaft?
Boris: Also zunächst bewundere ich euch total für euren Mut, nicht umsonst habt ihr den Preis bekommen. Dieses Unternehmen auf euch genommen zu haben und so mutig immer wieder das Ziel nicht aus den Augen verlieren, sich durch all diese ungeklärten Zusammenhänge zu bewegen, mit einem klaren Ziel, der 3. Juli, irgendwie einen Punkt zu setzen. Ich will das gar nicht Ergebnis nennen, sondern einfach einen Punkt zu setzen und zu sagen, bis hierher sind wir angekommen.
Ich hatte so ein witziges Bild, ich denke oft in Bildern. Ich bin umgezogen und bei diesem Umzug musste aus verschiedenen Gründen meine geliebte Heizung mit, also der Heizkörper, weil er mir so ans Herz gewachsen ist. Ich habe gesagt, den lasse ich nicht in der alten Wohnung. Er war aber 300 Kilo schwer. Und ich habe alles Mögliche probiert und keiner wollte ihn für mich transportieren. Und irgendwann kamen zwei Herren aus einem Klaviertransportunternehmen. Ich habe ehrlich gesagt so zehn Leute erwartet, aber sie waren zu zweit. Und sie haben sich den guten Teil angesehen und gesagt, ja, kein Problem, machen wir. Sehr mutig. Dann sind sie mit dem Teil losgezogen. Sie mussten erstmal vier Stockwerke runter und dann im Nebenhaus drei Stockwerke nach oben. Und ich muss ehrlich sagen, ich hatte Angst. Ich habe gesagt, ich mache euch ein paar Sandwiches und einen Kaffee und ich hatte tatsächlich so ein bisschen Kribbeln in den Händen und ein pochendes Herz, weil ich dachte, das ist eigentlich unmöglich, was sie da auf sich genommen haben. Und sie haben es geschafft. Die Heizung steht bei mir zu Hause.
Und ich glaube fest auch an euch. So wie ich euch erlebe, ihr werdet es auch gut schaffen. Wir werden eine fantastische soziale Symphonie auch in diesem Jahr erleben. Und ich glaube, Sandwiches schmieren und Kaffee zuzubereiten, das ist ja auch so ein bisschen unsere Aufgabe. Und das machen wir liebend gerne, auch mit ganz großer Begeisterung. Ich glaube, wenn man weiß, was all die tollen Menschen in Vorbereitung auf das gemeinsame Erlebnis auf sich nehmen, dann fällt es einem überhaupt nicht schwer, es einfach weiterzuerzählen, an der richtigen Stelle, in die richtigen Wörter zu fassen.
Und all die tollen Menschen, die uns seit 15 Jahren, insbesondere in Hamburg, mittlerweile auch natürlich bundesweit und auch europaweit, unterstützen, mit Geld, das dafür zur Verfügung steht. Ich glaube, das ist eine gute, eine wichtige, auch sehr dankbare Aufgabe, die wir dann wiederum haben, darüber zu erzählen, was alles Tolles hier stattfindet. Ich würde es gar nicht als anstrengend bezeichnen. Wir leben in bewegten Zeiten und es ist nicht klar, was geschehen wird. Das ist wie mit diesem Wald. Man geht immer weiter in der Hoffnung, dass es klappt. Meistens klappt es, in seltensten Fällen klappt das nicht. Meistens hilft ein Gespräch.
Für uns war es eine große Herausforderung, den Wettbewerb abzuschaffen. Er war in bestimmten Aspekten echt gut und auch super etabliert und sehr akzeptiert von all den Teilnehmenden, sowohl von der Förderseite als auch von der Teilnehmendenseite. Den abzuschaffen und auch noch glaubwürdig zu erzählen, warum wir das tun und was es mit der geteilten Bühne auf sich hat, das war eine nicht unkomplizierte Zeit. Ich meine, es ist uns sehr, sehr gut gelungen, diesen Gedanken zu formulieren und all diejenigen doch mit ins Boot zu holen und die nächste Station anzusteuern.
Franziska: Aber es ist interessant, ich will jetzt gar nicht spoilern, aber in einem Satz in unserer Sozialen Symphonie geht es genau um dieses Thema, diesen Mut zu haben, auch loszulassen, Dinge hinter sich zu lassen, auch ein Stück weit Platz zu schaffen für Neues. Manchmal braucht die Utopie eben auch den Freiraum, den es sich erst erarbeiten muss und das habt ihr mit diesem Preis definitiv geschafft. Wenn du jetzt an den 3. Juli denkst, an die Soziale Symphonie, wann wäre dieses Projekt für dich ein Erfolg?
Du hast vorhin gesagt, es ist wie so eine Art Punkt machen. Für mich wäre es tatsächlich eher ein Komma, weil ich finde, gerade in so partizipativen Projekten, es ist ja nie zu Ende. Es ist ja nie fertig, so wie so bei allen künstlerischen Prozessen finde ich jedes Mal, wenn eine Premiere ist oder so, denkt man danach, naja, ach hätte ich doch noch mehr ein bisschen Zeit gehabt oder ein bisschen Budget, dann hätte ich hier da so oder so gemacht. Ob es wirklich dann besser wäre, ist dann die andere Frage, aber es gibt immer so diesen letzten Restwunsch, zumindest geht es mir so. Deswegen würde ich das Komma eher sehen als den Punkt, weil das habt ihr zumindest uns mit auf die Reise gegeben, dass der Schwerpunkt des Projektes tatsächlich wirklich auf einem guten partizipativen Prozess liegt.
Die Akademist*innen Ipek Atila und Daniel Calvo Valcárcel spielen vor der "Konzeption-Wand"
Und das erleben wir auch in den Workshops so, dass da schon so viel Gutes entsteht, so viel Wirkung erzeugt wird. Glänzende Kinderaugen, Menschen, die zum allerersten Mal, also wir hatten eine Schülerin, die zum allerersten Mal in hrem Leben eine Kirche betreten hat, weil sie in einem fremden Stadtgebiet war, in einem fremden Quartier und mit so einer Forschungsaufgabe eben neugierig durch die Straßen gezogen ist, alleine auch, ganz mutig und dann ganz aufgeregt davon berichtet hat, weil sie das in ihrem Kulturkreis so noch nie gesehen hatte. Und dieses Offensein für Neues, das erlebe ich auch schon in den Workshops. Das passiert nicht nur auf der großen Bühne am Ende. Da wird man sicherlich einen Teil dessen, was wir erarbeitet haben, sehen. Für mich liegt aber gerade das Wertvolle im Projekt, vor allen Dingen in diesen vielen kleinen Momenten, die so große Wirkungen auf die Kinder und Jugendlichen haben. Aber für dich, du hast es ja jetzt schon mehrfach erlebt, was im Sommer immer auf die große Bühne kommt. Was wäre für dich ein Erfolg?
Boris: Ich habe in den letzten Jahren die Erfahrung gemacht, dass es auf jeden Fall sehr gut wird. Das heißt, ich freue mich einfach total, wie ein kleines Kind, auf diese Veranstaltung, weil da jetzt schon, natürlich bin ich ein Insider, ich habe ja schon eure tolle Pläne gesehen und ich habe mit vielen Menschen gesprochen und die Partitur schon mal gesehen, die aus einzelnen Sätzen besteht, und die Werkliste schon gesehen und das schon sogar im Februar. Wow, da kann man sich nur auf das Ergebnis freuen. Ich habe da gar keine Erwartung. Ich weiß nur, das werden unfassbar tolle 90 Minuten, 100 Minuten sein. Ich weiß nicht, wie das dann am Ende sein wird. Das Ende, wie du sagst, stellt nur ein Komma dar, weil es nachher gleich weiter geht, in Richtung 12. Juni 2027 und in Richtung 2028. Ich bin da einfach in freudiger Erwartung dieser nächsten Begegnung.
Die erste aufregende Probe in der Elbphilharmonie
Franziska: Schön. Dann habe ich noch eine letzte Frage für dich, die wir allen unseren Gästen stellen, die in den Podcast kommen. Was kannst du unseren Hörer*nnen heute noch mitgeben, als kleinen, realistischen Schritt, um einer Utopie näher zu kommen? Was tust du dir heute Gutes oder hast du ein Rezept für uns? Wie geht das, hoffnungsvoll zu bleiben in diesen Zeiten?
Boris: Vielleicht tatsächlich eines Morgens aufwachen und etwas tun, egal was, etwas tun, was man nicht jeden Tag tut, also jetzt außerhalb des Berufs oder des Familienlebens, ein Lächeln schenken, ein Stück Papier auf den Boden aufheben, vielleicht in eine Veranstaltung zu gehen, zu der man sonst niemals im Leben gehen würde. Man macht da eine Erfahrung, dass da draußen unfassbar viel spannendes, sinnvolles, gutes, gut gemeintes und vor allem lebendiges existiert. Und ich würde sagen, alles, was auf der Ebene Beziehung erfahrbar ist, hilft uns jeden Tag, dieses Gefühl der Hoffnung aufrechtzuerhalten.
So, ob das jetzt mal ein verständliches Rezept gewesen sei, kann ich nicht sagen, aber ich glaube, jeder von uns steht jeden Tag vor mehreren Entscheidungen oder trifft mehrere Entscheidungen, etwas zu tun und etwas zu lassen und ich bin definitiv für tun und vielleicht etwas, was man selbst heute noch nie gemacht hat.
Franziska: Noch nie gemacht hat, ja. Das ist spannend, es resoniert stark mit mir, weil wir gerade zu Hause, mein Partner und ich, machen das seit Januar, wirklich zu versuchen, jeden Tag eine andere Sache zu tun. Also als Beispiel, wir essen mit rechts, heute essen wir mal mit links, einfach um unserem Gehirn beizubringen, offen für Veränderungen zu sein.
Es ist wirklich wie ein Muskel zu trainieren, den man auch irgendwie trainieren muss, um dann in anderen Entscheidungen offener zu sein, für Neues oder für andere Perspektiven, für verrückte Wege. Also das geht so ein bisschen in die Richtung, Boris, überhaupt etwas tun, aber dann auch zu trainieren, mal etwas anderes zu tun als man es kennt.
Boris: Ja, den Muskel muss man trainieren.
Franziska: Aber das ist doch ein tolles Rezept, was offen genug ist, dass es jeder für sich adaptieren kann. Und manchmal ist es gar nicht so leicht, sich noch etwas einfallen zu lassen. Insofern, vielen Dank, das war ein tolles Gespräch Wir werden in den Shownotes noch den einen oder anderen Hinweis geben, vielleicht auch auf das Buch “Die entfesselte Klassik”, zu euch, nochmal zur geteilten Bühne und natürlich dann auch zur Veranstaltung in der Elbphilharmonie.
Hab einen schönen Tag, Boris. Vielen Dank.
Boris: Vielen Dank und bis bald. Tschüss.