Impressionen aus der Sozialen Sympnonie 03. Juli 2026

#mut zur utopie

Am 3. Juli 2026 ist unsere einjährige TONALi Residenz »Mut zur Utopie« auf der großen Bühne der Elbphilharmonie zu ihrem Finale gekommen. Was im Herbst 2025 mit fünf kleinen Konzertskizzen im Kunstschutzgebiet rund um den TONALi Campus begann, ist über neun Monate gewachsen – in vier Workshop-Phasen, unzähligen Gesprächen und vielen offenen Annäherungen an das Thema Utopie. Was als Mikrokosmos in über einhundert kleinen 1:1 CONCERTS in Hamburg erlebbar wurde, fand im Makrokosmos der Sozialen Symphonie Nr. 3 seinen Höhepunkt: gemeinsam mit den TONALi Akademist:innen, den Musiker:innen des asambura ensembles, über 80 Schüler:innen aus sechs Hamburger Partnerschulen und vielen weiteren Mitwirkenden vor und hinter den Kulissen.

Wir - Franziska Ritter und Christian Siegmund, als Kurato:rinnen des Partizipationsprojekts - verstehen die Soziale Symphonie als ein Stück gemeinsam entwickelter Zukunft: nicht von oben verordnet, sondern aus vielen bunten Einzelstimmen, Bewegungen und Perspektiven gewachsen. In fünf konzertanten Sätzen haben wir nach dem Wesen der Utopie gefragt – und musikalische Antworten voll Geborgenheit, mutiger Überraschungen und jeder Menge Fantasie gefunden. Mit den wunderbaren Bildern der Fotografin Sophia Hegewald blicken wir mit Euch zurück, Satz für Satz.

I. Vivace dall'origine – Utopie ist schöpferisch

Ein Ruf hebt an – weiblich, weit klingend, archaisch. Ein zweiter Ruf ertönt aus anderer Richtung, und ein dritter. Kulning-inspirierte Stimmen durchschneiden die Stille des Großen Saals wie ursprünglich die weiten, sommerlichen Täler Skandinaviens. Nach dieser alten nordischen Gesangstechnik, einst Kommunikationsmittel von Mensch zu Tier, klingen Frauenstimmen über große Distanzen hinweg: ein Weck- und Lockruf in die Hast der drängenden Gegenwart. Im Aufhorchen, Innehalten und Lauschen wächst ein Wissen darum, dass durch Hören eine Verbindung entsteht.

So führt der erste Satz im Rückwärtsgang zu unserem Ursprung: nach innen, mit einer Bewegung, die sich wie eine Spirale dem Mittelpunkt nähert. Dort leuchtet eine einfache Melodie auf – nah, intim, unmittelbar. Dieser Klang verdichtet und verwandelt sich, zieht Kreise, gewinnt an Kraft und Form: Arcangelo Corellis »La Follia«, der Gassenhauer in den Städten Europas um 1700, steigert sich ins Drängende, ins Rauschhafte, und wird zum Strudel zwischen Ordnung und Ekstase – bis sich ein Fenster in einen anderen Klangraum öffnet.

Ko-Kuration: Viviane Ruof mit der Brecht-Schule
Komposition und klangliche Gestaltung: Viviane Ruof in Kooperation mit dem asambura ensemble

II. Passacaglia, abbracciando il presunto ignoto – Utopie umarmt das vermeintlich Fremde

Zwischen dem Gefühl der Fremdheit und der Zugehörigkeit eröffnet der zweite Satz einen Raum der Begegnung – eine zärtliche Einladung, einander wahrzunehmen. Inspiriert von Ignaz Franz Bibers »Passacaglia« für Violine solo (1676) und dem anatolischen Volkslied »Odam Kireç Tutmuyor« entfaltet sich in einer gemeinsamen Improvisation ein Klangraum zwischen den Kulturen.

In der »Passacaglia« wächst aus wenigen Tönen eine Fülle von Gestalten und Geschichten: Die Stimmen kreisen über einer beständigen Basslinie, erzählen von der Kraft der Wurzeln und der Sehnsucht nach einem Zuhause. Jede Variation entfernt sich und kehrt zugleich zurück. Das anatolische Volkslied wiederum erzählt von Verlust und dem Gefühl, aus dem eigenen Leben herausgefallen zu sein – und erinnert an die Dichterfigur »Ozan«, die wandernd und singend Geschichten von Ort zu Ort trägt und sie im Moment der Begegnung immer wieder neu erzählt. In diesem Raum stellten wir Fragen, an uns selbst und ans Publikum: Wenn wir uns erlauben, von Zukunft zu träumen, wie könnte sie aussehen? Können wir uns vorstellen, dass unsere Geschichten uns nicht voneinander trennen, sondern miteinander verbinden?

Ko-Kuration: İpek Atila mit der Nelson-Mandela-Schule und der Stadtteilschule Helmuth Hübener, mit Johanna Zill
Klangliche Gestaltung: İpek Atila in Kooperation mit dem asambura ensemble

III. Appassionato con fervore sognante – Utopie braucht träumerische Leidenschaft

Der dritte Satz beginnt mit mahnend-ernsthaftem Gestus: Die Posaune vom Anfang der »3. Sinfonie« Gustav Mahlers scheint zu fragen: »Was tust du denn nur, Mensch?« Die menschliche Stimme drängt herein und stellt Fragen – Fragen nach dem Träumen, Fragen nach dem: Was wäre wenn … wir uns wirklich begegneten? Mit Richard Strauss' »Cäcilie« fragt die Stimme eindringlich und mit ungehaltener, sich überschlagender Leidenschaft.

Doch eine Stimme bleibt nicht allein. Mit Richard Wagners »Träume« aus den Wesendonck-Liedern und Claudio Monteverdis »Pur ti miro« wenden sich zwei Stimmen einander zu, überlagern sich, treten in einen Dialog – und mit Bruno Mars' und Lady Gagas »Die with a Smile« öffnet sich der Bogen bis in die Gegenwart. Ein träumerisches Aussetzen, in dem sich Wirklichkeit und Sehnsucht berühren. Vibrierend, klagend, liebend, und vielleicht auch etwas ängstlich, unternahmen wir den Versuch, einander zu sehen, uns einander zuzuMUTen. Wollen wir es wagen, die Augen zu heben? Von unseren Mobiltelefonen, von unseren kleinen Welten, hin zum DU, zum WIR. Lasst uns zusammen träumen. Und sei es nur einen mutigen Ton lang.

Ko-Kuration: Henrike Henoch & Pau Llop Rodríguez mit der Ida-Ehre-Schule
Arrangements: Pau Llop Rodríguez

IV. Ad libitum, poi molto liberatorio – Utopie macht Lust auf Freiheit

In Caroline Shaws »How do I find you?« liegt eine suchende Bewegung, die sich auf ein Gegenüber zubewegt – fragil, offen, noch ohne Gewissheit. Durch diese Frage öffnet sich ein Raum der Stille, kein leerer, sondern ein gespannter: ein Ort, an dem Wahrnehmung sich schärft und Möglichkeiten entstehen. Vielleicht zunächst ein Sammeln – von Atem, von Aufmerksamkeit, von Kraft. Eine Einkehr bei sich selbst. Und dann ein Moment der Entscheidung: auszubrechen aus der Wiederholung, aus der Enge, aus dem, was festgelegt scheint. Befreiung zeigt sich dabei nicht als lauter Bruch, sondern als Verschiebung nach innen.

Hier setzte auch der Audience Choir an – die Publikumsimprovisation, in der der ganze Große Saal zum Klangkörper wurde: ein kollektiver, im Moment entstehender Prozess, in dem Gesten und Klang verwoben sind. Struktur und Freiheit stehen nicht im Gegensatz, sondern bedingen einander. Die Energie, die zuvor gebunden war, wurde hörbar gemacht, geformt, geteilt – ein Neuanfang, der nicht geplant, sondern gemeinsam hervorgebracht wurde.

Ko-Kuration: Chiara Ducomble & Lara Jakobi mit der Stadtteilschule Blankenese
Arrangement: Pau Llop Rodríguez

V. Fantasia con spirito – Utopie braucht Fantasie

Mutter Natur ist die Zaubermeisterin dieser utopischen Fantasie. Aus Nature Sounds und mit der »Eliza Aria« aus Elena Kats-Chernins Ballett »Wild Swans« ertönt eine Klanggeste, die unsere Vorstellungskraft wachruft. Diese imaginative Kraft ist keine bloße Träumerei, sondern der Urfunke jeder Utopie: die Wirklichkeit anders zu lesen – beweglicher, durchlässiger, vieldeutiger.

Gerade im Kleinen entfaltet sie ihre Kraft. In Béla Bartóks »Rumänischen Volkstänzen« verdichten sich einfache Motive zu lebendigen Szenen: Klingt da ein Drängen auf im »Pe Loc«? Windet sich der »Buciumeana«, und wo erklingt Rundes im Kreistanz des »Brâul«? Fantasie scheint die Vervollkommnung des Gegebenen – sie verwandelt, verschiebt, belebt. Und schließlich kehrt Corellis »La Follia« aus der Welt des ersten Satzes zurück: Aus vertrautem Kern wird ein wildes Aufbäumen. Die Glücksfunken, nach denen wir suchen, entstehen auch im Alltag nicht zufällig. Sie sind das Ergebnis einer Aufmerksamkeit und einer bedingungslosen Zuneigung zum Zauber der Welt: das Gewöhnliche nicht hinnehmend, sondern verwandelnd – leise, präzise und mit offenem Herzen. Als Zugabe schickte uns Soili Perkiös Kanon »Ja Dan Duia« gemeinsam singend in die Nacht.

Ko-Kuration: Daniel Calvo Valcárcel & Antonia Brinkers mit der Reformschule Winterhude · Klangliche Gestaltung: Daniel Calvo Valcárcel in Kooperation mit dem asambura ensemble

Vom ICH zum DU zum WIR

Fester Bestandteil der Sozialen Symphonie waren die 1:1 CONCERTS: 100 ganz persönliche Überraschungskonzerte – für nur eine Hörer:in und eine Musiker:in – zogen in der Festivalwoche vom TONALi Campus über das Kunstschutzgebiet bis zur Elbphilharmonie. Dazu kamen die 1:1 BEGEGNUNGEN im Slow-Dating-Format: Mit einem eigenen Kartenspiel, dessen Fragen die Schüler:innen zu den utopischen Themen formuliert hatten, begegneten sich mutige Hamburger:innen an besonderen Orten der Stadt – bis hin zum Foyer der Elbphilharmonie. Am Ausgang des Konzertabends nahm jede:r eine Spielkarte mit, um die eigene Utopie ganz konkret in die Zukunft zu tragen.

Dankeschön

Wir danken allen für diese gemeinsame, erfüllende Erfahrung: den TONALi Akademist:innen İpek Atila, Antonia Brinkers, Daniel Calvo Valcárcel, Chiara Ducomble, Henrike Henoch, Lara Jakobi, Pau Llop Rodríguez und Viviane Ruof, dem asambura ensemble unter Maximilian Guth und Joss Reinicke, den Kulning-Sängerinnen, den Schüler:innen und Lehrer:innen der Brecht-Schule, Ida-Ehre-Schule, Stadtteilschule Helmuth Hübener, Nelson-Mandela-Schule, Reformschule Winterhude und Stadtteilschule Blankenese, dem gesamten TONALi Team rund um Amadeus Templeton und Boris Matchin mit Johanna, Pauline, Sophie, Sergey, Jonathan, Eleni u.a., unseren 1:1 Kolleginnen Rose Hunt und Charlotte Schetelich, allen Spielort-Partner:innen und Gastgeber:innen der 1:1 CONCERTS.

Mit Eurer Kreativität und Spielfreude, mit Eurem unermüdlichen Engagement und Eurer großen Empathie habt Ihr die 3. Soziale Symphonie zu etwas ganz Besonderem werden lassen.

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