Die Kunst der Utopie - Einkehr bei sich selbst 12. Juni 2026

#1to1dialogues

UTOPIA DIALOGUES – der Podcast von 1:1 CONCERTS und TONALi. Hier geht es um die Zukunft der Klassik, um die Frage, wie Visionen entstehen und gefördert werden können, und um das exponentielle Potenzial utopischen Denkens. Aktuelle Herausforderungen der klassischen Musikszene werden zum Ausgangspunkt für radikal neue Ideen, die Kollaboration, Solidarität und die Demokratisierung von Konzertformaten stärken.

Der Podcast entstand anlässlich der Auszeichnung von 1:1 CONCERTS mit dem TONALi Award „Mut zur Utopie“. Sie umfasst eine einjährige Residenz in Hamburg und mündet in der Sozialen Symphonie am 3. Juli 2026 in der Elbphilharmonie Hamburg.

In der 10. Folge sprechen Christian von 1:1 CONCERTS und die TONAli-Akademistinnen Chiara Ducomble und Lara Jakobi darüber, wie besonders es für die beiden ist, ein so prestigeträchtiges Haus wie die Elbphilharmonie mit der Sozialen Sinfonie bespielen zu dürfen. Sie sprechen über Musik, die entspannt, Stille, die bei Schüler:innen einkehrt und Pausen, die für sie eine Utopie darstellen.

Der Podcast findet ihr auch auf RTL+ und Podcast.de.

FOLGE 10

Christian: Liebe Hörer:innen, ganz herzlich willkommen bei den UTOPIA DIALOGUES, dem Podcast von 1:1 CONCERTS in Zusammenarbeit mit TONALi in Hamburg. Ich bin Christian und zusammen mit Franziska künstlerischer Leiter von 1:1 CONCERTS, dem wohl kleinsten, aber auch feinsten Konzertformat.

In unserem Podcast sprechen wir über Begegnung, über Resonanz und alles, was dazwischen liegt. Entstanden ist unsere Gesprächsreihe anlässlich unserer Auszeichnung “Mut zur Utopie”, die uns im vergangenen Jahr in Hamburg von TONALi verliehen wurde. Ein ganzes Jahr lang haben wir mit den Akademist:innen von TONALi und Schüler:innen des Kunstschutzgebiets einen gemeinsamen Klangraum entfaltet und aus ganz vielen Stimmen wächst ganz partizipativ eine Soziale Symphonie für die Elbphilharmonie, die am 3. Juli ihren Weg auf die große Bühne findet. Und wie in unserem 1zu1 Konzertformat suchen wir auch hier im Podcast die unmittelbare Begegnung in kurzen, aber dichten Gesprächen mit unseren Partner:innen. Dabei spüren wir Fragen nach, die uns bewegen: Welche Utopien tragen wir in uns, persönlich wie gesellschaftlich? Und welche Rolle kann Musik und vor allem klassische Musik da spielen?

Heute bin ich schon zum zweiten Mal bei einem 1:1:1. Ich bin in Berlin und heiße meine Gesprächspartnerinnen Chiara und Lara ganz herzlich willkommen. 

Chiara: Hallo.

Lara: Hallo, danke 

Christian: Wo bist Du gerade, Lara? 

Chiara: Ich bin gerade in Freiburg bei mir zu Hause. 

Christian: Und du, Chiara? 

Chiara: Ich bin in Hannover bei mir zu Hause.

Christian: Das heißt, wir überspannen und umspannen die Republik. Wollt ihr euch ganz kurz vorstellen? 

Chiara: Ich bin Chiara, bin Belgierin und bin hauptsächlich Sängerin. Aber ich tue auch ganz viel anderes und habe gerade mein Masterstudium in Hannover abgeschlossen. Da wohne ich jetzt schon seit längerer Zeit, und erforsche seit ein paar Jahren vor allem interdisziplinäre und zeitgenössische Formate und Musiktheaterformen. Und ich bin ich seit letztem Jahr Akademistin bei TONALi. Zusammen mit Lara gestalten wir als Tandem dieses Jahr nicht nur die Soziale Symphonie in der Elbphilharmonie, sondern auch ein Quartierskonzert in Eimsbüttel und ich freue mich auf alles, was kommt.

Christian: Danke, Chiara, für die Vorstellung. Lara, wer bist du?

Lara:  Ich bin Lara. Chiara, du hast es so schön gesagt: hauptsächlich Sängerin. Ich weiß gar nicht, ob ich sagen würde, dass ich hauptsächlich Cellistin bin, aber ich habe Cello in Frankfurt und in Freiburg studiert. Ich mache viele musikvermittelnde Projekte. Ich arbeite als Kulturmanagerin und auch an Education-Formaten mit. Ich beschäftige mich gerne mit improvisierter Musik, auch mit Vorliebe in sozialen Kontexten. Und gerade habe ich meine Bachelorarbeit fertig geschrieben in meinem zweiten Bachelorstudium - der Soziologie. 

Christian: Wow. Dankeschön, Lara. Soziologie, das führt mich ja dann gleich schon direkt zur „Sozialen Symphonie“, bei der ihr beide zusammen maßgeblich den 4. Satz gestaltet. Und der ist überschrieben mit Ad libitum, poi molto liberatorio. Wollt ihr uns eine kleine Einführung geben, was uns und die Hörer:innen dort erwartet?

Lara: ad libitum heißt übersetzt “ganz frei” oder auch “befreiend”. Wir haben uns am Anfang des Akademiejahres zunächst mit dem großen Oberthema der Utopie auseinandergesetzt und uns gefragt: Was ist eigentlich eine Utopie? Ein Ort, und zwar nicht hier. Wir haben das Viertel rund um den TONALi Campus erkundet und haben Orte gesucht, die für uns utopisches Potenzial haben…. An dem Tag haben wir uns kennengelernt, Chiara!

Chiara: Ja …und dann sind wir gemeinsam spaziert. Also das war für uns die erste Utopie - dass wir uns wirklich kennengelernt haben. Also wir sind ganz schnell, ganz tief, auch beim Spazierengehen in Gespräche gegangen und sind dann, rein zufällig, in einem Café gelandet. Café spielt in meinem Leben eine große Rolle und es war so ein herbstlicher Sonnenabend und wir haben die ganze Zeit überlegt, wen können wir ansprechen, um wirklich in Kontakt mit dem Quartier zu gehen und saßen in diesem Café und haben zwei ganz tolle Frauen gesehen und nicht angesprochen, denn diese beiden Frauen waren auch ganz vertieft in ein Gespräch und hatten sich offensichtlicherweise lange nicht gesehen und hatten sich diesen Moment genommen, sich noch mal abzudaten und noch einmal über alles zu sprechen. Und die beiden Damen waren quasi “1zu1”. Aber nicht nur 1:1, sondern die beiden Damen waren in Begleitung von Enno, dem Hund, der sich genau während dieser Kaffeestunde wohlig im Herbstlaub gewälzt hat, in der Abendsonne. Und da haben wir gleich entschieden: eigentlich ist das schon die Utopie! Denn sich eine Pause zu gönnen in dem stressigen Alltag ist manchmal nicht der erste Reflex, den wir haben. Und das wollen wir eben in unserem Satz erforschen: Wie können wir uns auch mal eine Pause gönnen? Wie können wir uns was Gutes tun? Ist es im Zur-Ruhe-kommen oder ist es im Sich-Befreien, im Kraft tanken? Deshalb haben wir nicht nur den freien Anfang, sondern dieses liberatorio, das Sich-Befreien, auch noch mal in einem Ausbruch, wie auch immer man das möchte.

Christian: Das heißt, die Ruhe und die Stille oder das Zu-sich-Kommen spielt auch für euch eine Rolle in diesem Satz. 

Chiara: Ja, absolut. Aber für mich oder für uns war auch im Gespräch mit den Schüler:innen wichtig, dass wir nicht sagen, man muss jetzt unbedingt zur Stille kommen, um sich zu entspannen. Sondern ganz viele der Schüler:innen haben auch gesagt, sie hören eben Musik oder treffen sich mit Freund:innen - und das hat für sie eben auch einen entspannenden Charakter. Also jedem ist freigestellt, wie sehr er oder sie zur Ruhe kommen möchte. 

Christian: Der Satz beginnt ja mit einer wunderbaren Komposition von Caroline Shaw „How Do I Find You?”. Wieso habt ihr dieses Werk an den Anfang des Satzes gesetzt?

Lara: Wir haben uns gleich zu Beginn unserer Zusammenarbeit total in dieses Stück verliebt! Chiara, du hast grad schon angedeutet: Teil von dieser Kooperation über das Jahr hinweg ist die Arbeit in verschiedenen sozialen Kontexten, also unter anderem in der Stadtteilschule Blankenese. Und da haben wir im November ein Schulkonzert gestaltet. Zwei Schüler:innen haben das ganz nett moderiert und wir haben zum ersten Mal als Duo zusammen gespielt. Ich habe ein Arrangement geschrieben für Cello und Mezzosopran von "How Do I Find You?", was eigentlich im Original für Stimme und Klavier ist. Ja, wir fanden das so schön und auch in dieser Idee, die sich dann ja noch entwickelt hat, dieses Lied, und insbesondere auch der Text. Das alles hat eine Rolle gespielt im Zusammenhang mit dem, wie der Satz jetzt geworden ist. Ich glaub, es war weniger so, dass da die Idee von dem Satz ist und wir suchen ein Stück, was passt, sondern es ist irgendwie so miteinander gewachsen.

Chiara: Ich hab das Stück damals vorgeschlagen, weil ich großer Fan bin von Sasha Cooke, die amerikanische Mezzosopranistin, die das Stück auch in Auftrag gegeben hat. Sie hat während der Corona-Pandemie ein ganzes Album gesammelt mit Stücken von verschiedenen Komponist:innen - und da ist eben auch dieses Stück dabei. Und es war für mich schon lange ein Stück, das ich immer höre, wenn ich mich entspannen will. Dieser Beginn, dieses Minimalistische, das hat für mich was total Beruhigendes. Und dieses Suchende, also dass man nicht allein ist mit der Suche, ist ja auch ein beruhigender Gedanke. Und alle diese Fragestellungen, glaub ich, mit denen kann jeder, jede was verbinden. Da findet sich jeder, jede wieder. 

Lara: Auch das Motiv, das immer wiederkommt, oder? Also es ist irgendwie so ein bisschen repetitiv. Nicht die ganze Zeit durchs ganze Stück, aber es ist irgendwie so sehr, so soothing könnte man vielleicht sagen.

Christian: Ja, wenn ihr auf der einen Seite sagt ad libitum / ganz frei und auf der anderen Seite auch liberatorio / befreiend, so fällt mir jetzt die Freiheit nicht einfach so in den Schoß, sondern dafür muss man sich schon auf die Suche machen. Und es gibt eine Zeile, die mich immer sehr berührt in diesem Lied: „Tending a garden is always a labour." Also, das lässt sich ja auf unsere Arbeit, wie wir mit Schüler:innen arbeiten, übertragen. Es hat auch manchmal was vom Pflegen eines Gartens. Da gießt man an der einen Stelle und der anderen Seite gibt man diesen Samen hinein und lässt blühen und nimmt vielleicht aber auch wieder was weg. Und das resoniert mit mir so ganz gut für diesen Anfang. Aber es bleibt ja nicht bei diesem wunderbaren Lied, sondern es gibt einen Übergang dann kommt was ganz Spannendes. Denn dann springt von der Bühne ein Funken über und wir freuen uns darauf, das Publikum einzuladen, richtig? 

Chiara: Ich habe früher Chorleitung studiert und mache das auch immer noch in partizipativen Formaten jeglicher Form, Lara kommt ja eher aus dem Impro-Bereich. Und wir haben in unseren Schulbegegnungen und auch schon in den ersten Begegnungen mit unserem Kooperationspartner Kreativhaus Eimsbüttel sofort angefangen, zusammen zu singen. Das ist etwas, was mir super wichtig ist, mich zu verbinden, Leute kennenzulernen. Und wir finden, dass Pause auch was sehr Aktives sein kann - und möchten nach dem Stück von Caroline Shaw das Publikum einladen, mit uns zu musizieren, mit uns auszubrechen, sich mit uns zu bewegen. Wir haben da geheime Pläne (lacht). Aber es wird auf jeden Fall nicht nur rezipiert.

Christian: Okay, das heißt, es gibt eine Art Partizipation, die es über das Projekt hinaus mit dem Publikum gibt. Dazu braucht es aber auch Mut. Wie kann man das denn schaffen, dem Publikum diesen Mut einzuflößen? 

Lara: Ich finde, unser gesamtes Vorhaben ist auf verschiedenen Ebenen ein mutiges Unterfangen. Und ich denke, das wird sich auch transportieren. Es ist einfach auch schon besonders, wie wir die Elbphilharmonie bespielen - also dieses prestigeträchtige Haus mit vielen internationalen Künstler:innen. Wir öffnen das jetzt wirklich für die Schüler:innen, die dieses Konzert mitentwickelt haben, und für die Stadtteilgruppen in Hamburg-Eimsbüttel, mit denen wir gearbeitet haben. Ich glaube, wenn man einmal da ist, dann hat man schon diese Schwelle an Mut überschritten. Und ich glaube, dann ist man angesteckt und macht sicher gerne mit. Hoffe ich. 

Christian: Glaubt ihr, dass solche partizipativen Formate langfristig die Konzertkultur verändern können? Was für eine Rolle spielt das für euch in eurem Musikerinnenleben? 

Chiara: Ich würde sie kurz mit Ja beantworten. Man sagt ja immer, dass Klassiksäle gefüllt sind von älteren Generationen. Und ich glaube, dass das auch so ein bisschen mit Hörgewohnheiten zu tun hat. Aber das meine ich nicht in dem Sinne, dass wir anderen Menschen Klassik erzählen oder erklären müssen, sondern dass wir Menschen besser einladen müssen. Und ich glaube, wenn Menschen sich als Teil von etwas fühlen, dann möchten sie auch irgendwo hingehen. Und ja, ich merke das auch tatsächlich privat, ich gehe natürlich in klassische Konzerte, aber ich gehe nicht so oft in große Hallen und höre mir endlose Sinfonien an. Das berührt mich nicht so, wie wenn ich mich gesehen fühle und wirklich Begegnungen erlebe.

Deshalb denke ich auf jeden Fall, dass es die Zukunft ist. Das heißt, weniger Sinfonien, mehr Soziale Sinfonien, das ist sozusagen die Zukunft der Musik. 

Christian: Ich danke Euch, für diesen Einblick in euren vierten Satz der Sozialen Symphonie und in eure Arbeit.

Christian: Bevor wir die Hörer:innen nun entlassen, und bevor sie dann – jetzt fühle ich mich wie Peter Lustig – bevor sie ins Analoge gehen und das in ihren Herzen bewegen, was wir hier gesagt haben - was gebt ihr euren Hörer:innen mit? Was können Sie genau jetzt nach dem Hören dieses Podcasts tun, um sich ein kleines Stückchen in euren vierten Satz hineinzufühlen? Wollt ihr ihnen ein kleines Tool an die Hand geben? 

Lara: Na ja, auf jeden Fall eine Pause machen. Jetzt sofort.

Christian: Ja, dann würde ich sagen, liebe Hörer:in, nehmt das doch ernst und gönnt euch eine Pause, geht raus, hört auf die Stille, auf das Schweigen. Aber noch viel wichtiger: hört euch auch die anderen Podcast-Folgen an und kommt am 3. Juli 2026 in die Elbphilharmonie. Seid mutig und freut euch darauf, auch wirklich Teil, auch klanglicher Teil dieser Sozialen Symphonie zu sein. Schreibt uns Anregungen und eure Gedanken auf. Auf die freuen sich Lara und Chiara und ich und schreibt uns gerne an team@1to1concerts.de.


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